auf zu neuen ufern.

Dorf, Kleinstadt, Großstadt, Ausland und jetzt: Norderney.

Eine Insel, über die ich mich erst nach Erhalt des Jobs schlau machte – zum Beispiel über die Größe (15×2,5 km) oder die Einwohnerzahl (6.232, Stand 12/2017).
Im Vergleich zu meinem letzten Hauptwohnsitz Köln ziemlich überschaubar, andererseits bin ich auf einem Dorf mit je einer Feldlänge Abstand zu jedem Nachbarn aufgewachsen – also findet sich Norderney irgendwo in der gesunden Mitte wieder.
Obwohl Norderney sich flächenmäßig deutlich in Grenzen hält, spricht mein Orientierungssinn auch hier nur vage Vermutungen aus, wenn es darum geht, den richtigen Weg zu finden. Ganz Griechenland atmet indes erleichtert auf, weil ich den Wanderguide-Job nun nicht mehr angetreten habe.

Angereist bin ich mit dem Fahrrad – übers Wasser habe ich dann doch die Fähre als Fortbewegungsmittel vorgezogen.
Nach 165 Kilometern musste ich nicht nur meinen Bruder verletzt an einer Landstraße zurücklassen, sondern auch zwei Dinge feststellen: 1. Ich mag keinen Wind und 2. Auf Norderney wird es viel davon geben. Bekanntlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied, also kann ich nur mir selbst einen Vorwurf machen.

Apropos Rad: Auch wenn das langsame Radfahren in Oldenburg erfunden wurde (nicht wissenschaftlich bewiesen, aber meine Meinung), so scheinen sich die Norderneyer der ehrenwerten Aufgabe angenommen zu haben, diese Sportart zu ihrer Paradisziplin zu machen. Aber gut – angesichts der Inselmaße ist es einfach sinnvoller ein gemäßtiges Tempo denn einen heißen Reifen zu fahren. Ich merke schnell, dass mein aggressiver Fahrstil, der in der Großstadt erst das Überleben garantiert, hier mehr als entbehrlich ist: Man fährt gemütlich und rücksichtsvoll.

Generell muss ich nach einer Woche feststellen: Die Menschen hier sind freundlich.
Während in Köln stets von der rheinischen Frohnatur geredet wird, wird Freundlichkeit hier einfach gelebt – lächele ich Menschen auf der Straße zu, erhalte ich tatsächlich ein Lächeln zurück. In jeder deutschen Großstadt würde man als Reaktion zwei Tage später eine Unterlassungsklage erhalten.

Nicht nur die Freundlichkeit, auch die frische Luft bedeutet einiges an Umstellung für Körper und Geist. Vom Smogentzug gepeinigt rebelliert mein Körper; als Trotzreaktion auf mangelnden Feinstaub in der Luft falle ich in der ersten Woche einer Erkältung zum Opfer. Statt direkt auf große Erkundungstour zu gehen, verbringe ich also viel Zeit vorm Wasserkocher. Aber gut, zumindest ist Teetrinken auch Teil ostfriesischen Kulturguts.

Entgegen meiner Erwartungen ist auf Norderney ziemlich viel los. Bei der Planung zu besuchender Veranstaltungen wird mir schnell klar, dass ich nicht nur die Anzahl, sondern auch den Schickheits-Grad der Events deutlich unterschätzt habe. Ich bin kleidungstechnisch eher für Wattwanderungen, Schaf-Scher-Wettbewerbe und Boccia-Spiele gerüstet; gewünscht ist häufig „angemessene Garderobe“ – was bei Theater, – Konzert oder Ballbesuchen wahrscheinlich kaum Wollsocken und Jogginghose bedeutet.  

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Adiletten würden hier unter „unangemessene Kleidung“ fallen

Entsprechend stand in den ersten Tagen ein Stadtbesuch auf dem Plan. Wieder lag ich mit meinen Erwartungen falsch: Es gibt ziemlich viele Geschäfte – und nicht in allen Läden zieht angesichts der Preisschilder eine Dispo-Wolkenfront auf. Heißt: Auch mit wenig Geld kann Schönes gefunden (und gekauft) werden. Meine Suche nach Schuhen verlief dennoch erfolgslos. Das Scheitern dürfte meinen zu genauen Vorstellungen geschuldet sein, die mich nicht nur beim Einkauf, sondern auch bei der Männerwahl vor eine schwierige Aufgabe stellen. Bei Schuhen sehe ich mich noch nicht gezwungen, von meinen Ansprüchen zurückzutreten.

Nach einer Woche und dem Besuch einiger Veranstaltungen will ich behaupten: Die Menschen hier sind länger verliebt. Zumindest erweckt es den Eindruck, wenn auch in die Jahre gekommene Paare immer noch Händchen halten, Arm in Arm unterwegs sind und über Kommentare des Partners lachen, als wäre das Gegenüber unterhaltsam und liebenswürdig – und nicht nur jemand, der nie die Spülmaschine einräumt und ständig die Schlüssel verlegt.
Aber gut, vielleicht entsteht dieses andauernde Glück aus der Not heraus – Was brächte es schon, sich über seinen Partner aufzuregen, wenn doch ganz klar ist, dass unter 6.232 Einwohnern kaum viel mehr bessere Anwärter zu finden sein dürften? Und wie deprimierend ist es, wenn man im Streit wutentbrannt „Ich gehe jetzt!!“ brüllt und dann maximal 30 Minuten bis zu einer Aussichtsdüne radeln kann, statt auf der Autobahn massig Kilometer zwischen sich und den Angetrauten zu bringen?  Und: Man würde sich auch nach einer Trennung zwangsläufig ständig über den Weg laufen – da sagt man sich vielleicht lieber, dass der Frithjof doch eigentlich ein ganz feiner Kerl ist und bleibt für immer glücklich und zusammen.

Fazit: Norderney überzeugt bisher – bei Natur, Veranstaltungen und Restaurants kann man echt nicht meckern. Und auch mit den Menschen könnte es passen: Norderney ist nämlich auch, wenn rein zufällig „Leave your hat on“ von Joe Cocker gespielt wird, wenn die Polizei zwecks Ruhestörung zu einer Party kommt.

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