Gefangen im Paradies

Ich habe mich verliebt. Liebe auf den ersten Blick war es keineswegs, eher ein langsames Aneinander-Herantasten, ein vorerst argwöhnisches, gegenseitiges Umkreisen. Ich weiß nicht, wie es um die Gefühlswelt einer Insel steht, aber ich für meinen Teil war anfangs eher skeptisch: Zu klein, zu wenig Anonymität, begrenzte Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung.
Und dann ist es passiert – so richtig gemerkt habe ich es, als ich Ende März von einem kurzen Urlaub bei meinen Eltern auf die Insel zurückkehrte. Ich setzte mich an Deck der Fähre und freute mich: Auf nach Norderney!

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Ich weiß nicht, wann es passiert ist – vielleicht, als ich mir Peppa zulegte und mit dem neuen „Familienmitglied“ eine Art Nestbau begann. Vielleicht, als ich immer mehr Kontakte knüpfte und mittlerweile einige tolle Menschen meine Freunde nennen kann. Vielleicht, als endlich der Frühling begann, die Insel aufblühte und ich das erste Mal in kurzen Hosen nach draußen gehen konnte. Vielleicht passierte es aber auch, als Corona zum Thema wurde.

Denn seien wir ehrlich – es gibt wahrscheinlich kaum einen besseren Ort, um diese außergewöhnliche, herausfordernde Zeit zu erleben. Shoppen, ins Kino gehen, in Cafés sitzen, Konzerte besuchen – das alles ist auch an anderen Orten aktuell nicht möglich. Ausgedehnte Spaziergänge in Großstädten gestalten sich schwierig: Wenn jeder vor die Tür geht, sind die Straßen und Parks voll. Gingen alle Norderneyer vor die Tür – die Insel bliebe immer noch angenehm leer.

Ich glaube so wie mir geht es aktuell vielen Insulanern. Nachdem der anfängliche Schock über fehlende Gäste und somit ausbleibendes Geld verdaut war und alle merkten: Wir sitzen in einem Boot; meinem Nachbarn geht es genauso wie mir, begannen viele, die Insel und ihre Liebe zu Norderney neu zu entdecken. Die meisten Norderneyer haben schließlich nur während der Wintermonate Zeit, durchzuatmen und ein bisschen mehr Platz auf der Insel zu genießen. Die „Zwangspause“ hat viele vielleicht zunächst gelähmt, sorgt nun aber für neue Energie. Tagestrips zum Wrack am Ostende, für die sonst die Zeit fehlen würde, Golfen am Strand, wobei man normalerweise zahlreiche Urlauber verletzen würde, Sundowner im Strandkorb an der Promenade, wo zu Ostern eigentlich niemals ein Platz zu finden wäre.

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© Birgit Voigts

Während die Straßen und Strände auf der Insel in den ersten Tagen nach meiner Rückkehr menschenleer waren, haben spätestens die ersten Sonnenstrahlen die Norderneyer vor die Tür gelockt – und dafür gesorgt, dass allen bewusst wird, was für ein Privileg es ist, hier leben zu dürfen. Auch Enten, Hasen und das Damwild haben gemerkt, dass sich etwas verändert hat: Teilweise legen Entenfamilien den Verkehr lahm, da sie wegen des verringerten Verkehrsaufkommens kurzerhand beschließen, es sich auf der Straße gemütlich zu machen.
Etwas schade finde ich, dass auch momentan immer wieder Flaschen, Verpackungen, Hundehaufen oder Hundekotbeutel an den Stränden und in den Parks herumliegen. Tatsächlich hatte ich Vergehen dieser Art bisher stets auf die Urlauber geschoben und war davon ausgegangen, dass Insulanern die Sauberkeit ihrer Insel am Herzen liegt. Es tut mir also Leid, liebe Touristen, dass ich euch für die Allein-Schuldigen gehalten habe.

Natürlich ist aktuell nicht nur eitel Sonnenschein. Insbesondere Selbstständige, die sonst rund um die Uhr für ihr Geschäft im Einsatz sind, werden nebst finanziellen Sorgen vor allem auch von Langeweile geplagt. Einige konnten in den letzten Wochen bereits auf Lieferservices oder Online-Shops ausweichen; Hotels oder Bars beispielsweise bleibt aber kaum eine andere Möglichkeit, als einfach abzuwarten.
Für mich persönlich verändert sich wenig – ich kann zwar nicht mehr von Events berichten, aber mit viel Freizeit und arbeiten im Homeoffice war ich schon vorher vertraut – und auch vor Corona habe ich teilweise eine ganze Woche lang keine „anständige“ Hose getragen. Auch finanziell hat sich nichts geändert; wahrscheinlich habe ich sogar eher mehr denn weniger Geld zur Verfügung, nun, da ich mein Gehalt nicht mehr direkt in Restaurants und Cafés tragen kann.

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© Birgit Voigts

Auch in meinem Freundeskreis haben viele nun deutlich mehr Zeit als noch vor wenigen Wochen. Ein bisschen wurde also jedem eine Zuständigkeit zugeteilt: Eine Freundin fürs Zirkeltraining, eine Freundin für den Sprung ins Meer, eine Freundin für Spaziergänge mit Peppa, eine Freundin für Wein am Strand, eine Freundin für die gegenseitige Versorgung mit frisch gebackenem Kuchen, eine Freundin für gegenseitige Einladungen zum Abendessen.

Ich hoffe, dass es euch allen – den Umständen entsprechend – gut geht und dass euch Meer- und Fernweh noch nicht zu sehr plagt. Bleibt gesund –  und auch wenn es in meinem Text vielleicht so klingt, als wäre das Leben auf Norderney ohne Urlauber schöner: Wir alle freuen uns, wenn bald wieder mehr Leben auf der Insel ist und sich noch mehr Menschen an der Schönheit Norderneys erfreuen können!

Für die NWZ habe ich ebenfalls etwas über die aktuelle Situation auf Norderney geschrieben: Heute fährt die Fähre bis nach Alcatraz.

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