Januar

Der erste Monat, vor dem mich alle gewarnt hatten, ist so gut wie vorbei: Der Januar.
Noch schlimmer solle es nur im Februar werden, danach gehe es bergauf, so der Tenor.
Aber was soll ich sagen – ich mochte den Januar. Es hatten zwar ähnlich viele Restaurants geschlossen wie in den ersten Dezemberwochen, das machte mir jedoch nichts aus – den Warnungen zum Trotz war mir nämlich absolut nicht langweilig; und in meinen freien Stunden noch leere Strände und Cafés vorzufinden; das war sozusagen die Kirsche auf der Sahne.

IMG_20200101_175502_839Es mag wenig überraschend klingen: Mein Januar fing mit Silvester an.
Ich hatte fünf Freunde zu Besuch, wir kochten, spielten Boccia am Strand und „feierten“ ganz gemütlich rein. Das Feuerwerk sahen wir uns bei einem Mitternachtsspaziergang an, böllerten aber nicht selber. Uns eint die Meinung, dass gerade auf einer Insel, auf der das ganze Jahr über Naturschutz großgeschrieben wird, auch das Silvesterfeuerwerk verboten sein sollte.
Am Neujahrsmorgen gingen wir dann zum offiziellen Anbaden an den Weststrand – und wider Erwarten machten immerhin vier meiner Freunde mit und stürzten sich mit mir in die kalte Nordsee. Für den ersten Sprung ins kalte Wasser hatten die vier sich einen denkbar schlechten Tag ausgesucht: 3 Grad Lufttemperatur und dichter Nebel – da hatte ich in den letzten Monaten meist deutlich besseres Wetter. Der übriggebliebene Fünfte agierte dann als Taschenwart, hatte also zumindest eine ehrenwerte Aufgabe. Da die Insel über die Feiertage noch einmal so voll war, wie sie es sonst nur im Sommer ist, war auch beim Anbaden entsprechend viel los. Zu den hunderten Badenden gesellten sich tausende Schaulustige.


Mein Jahr hier auf Norderney soll zwar auch ein Jahr Auszeit sein, ich habe für mich aber gemerkt, dass ich die schönen Seiten der Insel, die Natur, das leckere Essen, das Meer und die Unternehmungen mit Freunden viel besser genießen kann, wenn ich sie nicht immer haben kann.
In den ersten Monaten hätte ich mich jeden Tag mehrmals aufs Rad schwingen und um die gesamte Insel fahren können. Die massig verfügbare Zeit nahm mir die Motivation, Dinge direkt zu tun – schließlich steht der Leuchtturm um 16 Uhr noch genauso wie um 12 Uhr, wieso also nicht noch warten?
Wirkliche Auszeit und dauerhaftes Nichtstun sind also nichts für mich – auch gut, wenn man das in seinem Jahr Auszeit merkt – weshalb ich mir einen Nebenjob in der Gastronomie suchte. So bin ich nun zumindest ein paar Stunden in der Woche noch beschäftigt und verdiene mir Geld für den Sommer dazu, wenn mich der Inselbloggerjob wieder mehr fordert und zahlreiche Events anstehen. Das Schöne ist, dass ich eben nicht gezwungen bin, Geld zu verdienen. Ich käme auch so gut über die Runden – und könnte jederzeit zurück zur richtigen Auszeit kehren.


83082409_2731750523605699_4972634249644474368_nAm nächsten kam ich dem Begriff Auszeit vergangene Woche in einer Yoga-Stunde in der Praxis für Gesundheitscoaching von Julia Ristow. In den Praxisräumen in der Bismarckstraße fühle ich mich direkt willkommen, während ich meine Schuhe ausziehe und in den Yogaraum gehe. Die Räume sind gemütlich gestaltet, mit vielen Bildern an den Wänden und warmen Farben. Einige Matten sind schon belegt, am Ende sind wir etwa zehn Teilnehmer. Es läuft leise Musik, Kerzen brennen, es herrscht eine gemütliche Stimmung.
Die Yoga-Kurse gibt es in verschiedenen Schwierigkeits-Leveln, Julia bietet als studierte Ernährungswissenschaftlerin aber auch Ernährungsberatung und Bewegungstherapie an, um ein gesamtheitliches Konzept zu schaffen. Im Sommer werden noch mehr Kurse angeboten, die dann auch draußen stattfinden. Yoga am Strand? Klingt nach einer perfekten Kombination, finde ich.
Julia Ristow verspricht auf ihrer Website, dass jeder Yoga machen kann – egal ob jung oder alt, körperlich fit oder eingeschränkt. Das Gefühl habe ich zunächst nicht. Jedes Mal, wenn ich es mit Yoga probiere, verfluche ich erst meine Ungelenkigkeit und meine Unfähigkeit, mich auf eine tiefe Atmung zu konzentrieren, um mir dann vorzunehmen, ab sofort wirklich daran zu arbeiten. Ich lerne dieses Mal aber auch, dass es beim Yoga darum geht, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren, dass es keinen Leistungsdruck und Wettkampfgedanken gibt, wie es sonst bei Sport meist der Fall ist.
Zurück in den Raum: Es geht los, Neulinge und Yoga-Kenner sitzen verteilt auf den Matten im Raum, Julia führt von einer Matte in der Mitte des Raumes durch die Yoga-Stunde. Mit einer wirklich angenehmen Stimme gibt Julia Anweisungen – macht aber selber auch mit. Gut für Yoga-Anfänger wie mich, die dann immer nochmal gucken können, wie genau die Übung nun aussehen soll. Bei anspruchsvolleren Übungen geht Julia durch die Reihen und korrigiert die Haltung leicht – auf jeden Kursteilnehmer wird einzeln eingegangen.  Obwohl die Yoga-Einheit kein schweißtreibender Sport war, machen sich am Ende doch meine Muskeln bemerkbar; nach der gemeinsamen, abschließenden Entspannung fühle ich mich jedoch wieder erholt und ausgeglichen.
Die Yoga-Einheiten bei Julia kann ich nur empfehlen – ob zum Ausspannen nach einem stressigen Tag oder für einen gelungenen Start in den Morgen.


Ende Januar ging es für mich für drei Tage von der Insel: Ich war als Speakerin zur BOOT, der weltgrößten Wassersportmesse, eingeladen, um von meinem Leben als Inselbloggerin zu erzählen. Ich nutzte die freie Zeit in Düsseldorf dazu, alte Freunde zu treffen und hatte zwei wirklich schöne Abende dort. Samstag war ich fast den gesamten Tag auf der Messe- zweimal sollte ich etwa eine halbe Stunde von meinem Inselalltag erzählen, den Rest des Tages verbrachte ich damit, mir einen Eindruck von der gigantischen Messe zu verschaffen. Zwischen Luxusyachten und Segelbooten, die größer als die eigene Wohnung sind, kann man sich schon arm vorkommen.  Während die Luxus-Hallen der Messe nicht ganz meine Welt waren, hat die Surfsport-Halle noch mehr Lust auf Wellenreiten, Kitesurfen und Windsurfen gemacht und meine Vorfreude auf den Surfsaison-Start auf Norderney verfößert.
Mein Vortrag war sehr entspannt; ich hatte eine Präsentation mit Fotos von meiner Arbeit und der Insel vorbereitet, der Rest ergab sich im lockeren Gespräch mit dem Moderator.


83942128_526435704896433_2566190307355918336_nLast but not least habe ich im Januar die bisher beste Entscheidung meines Lebens getroffen: Seit Ewigkeiten will ich einen eigenen Hund besitzen, nun habe ich endlich einen, eine 1,5 Jahre alte Husky-Collie-Labrador-Dame. Viel Verantwortung, viel Geld, viel Zeit – aber schon nach drei Tagen Hundemama-Dasein weiß ich: Das ist es wert!  Wir beide sind schon jetzt ein echtes Team, waren zusammen in der kalten Nordsee und, was ich nicht gedacht hätte: Ich entdecke nach vier Monaten Inselleben immer noch neue Wege, seit wir zu zweit unterwegs sind. In den nächsten Blogeinträgen werdet ihr also um Berichte vom Leben mit Hund nicht herumkommen!


genusszeit

Es gibt auf Norderney zwar noch zig Restaurants, in denen ich noch nicht gegessen habe, aber irgendwie werde ich doch schon etwas gemütlich – und kehre häufig in ein und dieselben Restaurants ein. Wenn man weiß, dass es schmeckt, ist man eben auf der sicheren Seite. Zumindest ein paar neue Lokale habe ich aber in den letzten Wochen für mich entdeckt.

Strandpieper
Für die meisten Urlauber hört das gastronomische Angebot der Insel gefühlt bei der Weissen Düne auf –  das ist meist die Distanz, die sich für einen Strandspaziergang anzubieten scheint. Dabei gibt es hinter der Weissen Düne noch einige Restaurants, für die sich ein etwas weiterer Ausflug lohnt – und bei dem sich zuätzlich noch viel Neues auf der Insel entdecken lässt. Lässt man den Leuchtturm samt Café Leuchtturm und Düne13 hinter sich und fährt bzw. geht ganz bis zum Ende des befahrbaren Teil der Insel, kommt man an den FKK-Strand. Ich wollte eigentlich nur eine kleine Radtour machen und mich auf die Suche nach neuen Fotomotiven begeben; letztlich bin ich aber doch in den Strandpieper (vielen wahrscheinlich noch als „Oase“ bekannt) eingekehrt. Wenn man schon einmal im Inselosten ist, dann soll es sich auch gastronomisch und nicht nur der Natur wegen lohnen! Ich hatte bis dato nur positives von dem neuen „Gourmet-Restaurant der Spitzenklasse“ gehört und wollte mir nicht entgehen lassen, zumindest auf einen kleinen Snack dort zu bleiben. Nach viel Bewegung und noch mehr frischer Luft hat man sich das schließlich auch mehr als verdient.
Das Restaurant ist wirklich schön und hell gestaltet, das gesamte Personal  freundlich und professionell. Ich bestelle einen Ingwer-Tee, veganen Kokos-Milchreis mit Beerengrütze und muss auf beides nicht lange warten.

Der Milchreis ist dadurch, dass er mit Kokosmilch gekocht wurde, natürlich kein klassischer Milchreis, wie man ihn sonst auf der Insel serviert bekommt, mir hat er aber sehr gut geschmeckt.
Ich komme auf jeden Fall gerne noch einmal wieder und bin gespannt, wie es dort im Frühjahr und Sommer ist – dann bietet der Strandpieper zusätzlich zum Restaurantbetriebt nämlich noch einen Strandkiosk und eine eigene Räucherei. Aktuell genießt das Team vom Strandpieper die Betriebsferien, ab März kann dort aber wieder genüsslich geschlemmt werden.

Sen Restaurant
Ich bin schon mehrmals am Sen Restaurant in der Luisenstraße vorbeigelaufen und habe mir jedes Mal vorgenommen, dort „ganz bald“ essen zu gehen – es sieht einfach zu gemütlich von außen aus; vor allem, wenn es draußen dunkel ist. Anfang Januar war ich dann endlich dort – und der gemütliche Eindruck hat mich nicht getäuscht: Das Sen ist schön eingerichtet, vor allem das warme Licht der vielen Lampen erzeugt eine angenehme Stimmung.  Das Restaurant kommt im Gegensatz zu vielen anderen asiatischen Restaurants ganz ohne Porzellan-Kitsch, Winkekatzen und dergleichen aus – das überzeugt. Etwas irritiert waren wir anfangs von der Musik: Überaus sanfte, entspannende Klänge ließen uns beinahe auf eine Thai-Massage warten. Im Sen gibt es asiatische Klassiker, Curry, Sushi und sogar Burger nach asiatischer Art. Mein Reisgericht mit Hühnchen und Erdnusssoße war super lecker, die Portion mehr als reichlich. Einer meiner Freundinnen wurde leider das falsche Essen gebracht – und das gleich zweimal. Die Google-Bewertungen lassen darauf schließen, dass das ein relativ häufiges Problem im Sen ist. Die Bedienung entschuldigte sich zwar mehrmals und brachte dann letztlich auch das richtige Essen, das sehr lecker war, aber sowohl für die Küche als auch für die Gäste wäre es im Sinne der Lebensmittelverschwendung, des Zeitaufwands und des gemeinsamen Essens besser, wenn die Bestellung direkt richtig verstanden würde.

Norderneyer Brauhaus
Ein kleines bisschen unangenehm ist es mir ja, aber ich war bisher noch nie in der Brauhalle, dem  Alten Brauhaus oder der Weststrand Bar. Gut, letzteres hatte wetterbedingt seit meiner Ankunft auch kaum noch geöffnet, aber dennoch: Bier hätte ich mir an den anderen Adressen definitiv schon schmecken lassen können. Norderneyer Pils habe ich auf Norderney natürlich schon mehrfach getrunken – aber eben nicht an den Orten, wo es gebraut wird/wurde. Das Alte Brauhaus am Damenpfad ist super gemütlich, gleichzeitig modern, das Bier schmeckt überragend  – was will man mehr? Wer hungrig ist, bekommt dort auch kleine Snacks zum Bier serviert; eine runde Sache!


dezember

79793390_620624235412989_732057027911614464_nNoch vier Tage bis Weihnachten; noch elf, bis 2019 gebührend verabschiedet wird. Gebührend bedeutet bei mir, dass ich mit Freunden in Jogginghose, Kuschelpulli und Wollsocken zuhause sitze, koche, Bier trinke und um Mitternacht eine Wunderkerze anzünde. Die Zeiten von Silvesterpartys, Glitzeroutfits und Sekt haben wir schon vor Jahren für beendet erklärt – aber wir sind ganz zufrieden mit unserer eigenen Tradition.

So richtig in Weihnachtsstimmung bin ich noch nicht – was auch dem Wetter geschuldet sein mag. Aber ich will mich nicht beschweren; kalte Tage wird’s noch genug geben und tatsächlich freue ich mich über jeden Sonnentag und jeden Moment im zweistelligen Gradbereich.
Der lebendige Adventskalender hat mich zumindest etwas bereit für Weihnachtsbaum, Weihnachtsmarkt und Plätzchen gemacht. Das Konzept des lebendigen Adventskalenders kannte ich noch nicht, vor allem in ländlichen Gegenden ist das allabendliche Zusammentreffen aber wohl recht bekannt. Nach vielen schönen Abenden vor beleuchteten Häusern; mit Weihnachtsliedern, Glühwein/Kinderpunsch und Keksen bin ich nicht nur etwas in Weihnachtsstimmung sondern vor allem begeistert von dieser schönen Idee für die Vorweihnachtszeit.


80272609_465461417503425_6859184512560005120_n

Love is in the air

Ich hatte es in meinem letzten Blogeintrag schon angekündigt: meinen ersten korrekten Gang ins Meer; mit Karin Rass, der Klimatherapeutin der Insel. Nach über einem Monat der unüberlegt-unvorbereiteten Sprünge ins kalte Nass sollten meine Komplizin Rahel und ich es endlich richtig lernen. Mit einigen anderen Teilnehmern trafen wir uns in der Umkleide am Weststrand; ein Komfort, den wir uns sonst nicht genehmigen.
Da mich bei Instagram immer wieder Leute fragen, wie wir ins Wasser gehen, hier die ausführliche, detaillierte Beschreibung: Zum Strand fahren, am Strand ausziehen, ins Wasser gehen, am Strand anziehen, nach Hause fahren. So kompliziert ist es also gar nicht ;).
Bei der professionellen Klimatherapie steht das eigene Empfinden, das Achten auf die Signale des Körpers im Fokus – nicht ein „Aushalten“ wie bei uns. Von der Umkleide aus ging es an den Strand, um erst einmal ein Luftbad zu nehmen. Wir bewegten uns also in der Gruppe am Strand und achteten darauf, wie wir die Kälte empfinden; während Frau Rass uns mehr zur Klimatherapie erklärte. Wenn blutige Anfänger zur Gruppe stoßen, geht es meist auch gar nicht direkt in Badekleidung an den Strand; zu Anfang werden erst bekleidete Luftbäder genommen, bis sie nach einigen Tagen dann bereit sind, ins Meer zu gehen.
Wem es zu kalt wurde, der durfte das Luftbad jederzeit abbrechen; zwei Teilnehmerinnen nahmen dieses Angebot dankend an und gingen früher in die Umkleide zurück.

Würde ich eines Tages zu Rahel sagen, dass ich lieber doch nicht ins Wasser gehen will; ich fürchte, sie würde mich in die Wellen werfen und so lange unter Wasser drücken, bis ich aufhöre, mich anzustellen.

80394680_445704302778365_5925010472637038592_n

Foto von @nicolebenewaah

Andersrum gilt das genauso. Wir sind nicht vernünftig und hören auf unseren Körper, wir hören lediglich auf unseren Stolz.
Während des Luftbadens warteten wir darauf, endlich ins Wasser gehen zu dürfen – heute sollten wir es aber beim Kältebad an der frischen Luft belassen und  uns (zumindest gefühlt) unverrichteter Dinge zurück in die Umkleide und unsere warmen Klamotten begeben.
Es war auf jeden Fall interessant, einmal mehr über Klimatherapie zu erfahren und mitzuerleben, wie man es eigentlich richtig angeht – aber: Wir brauchen das Wasser-Extrem mittlerweile einfach zu sehr, als dass wir uns mit einem Luftbad zufrieden geben könnten. Und so haben wir uns dann im Anschluss doch noch unseren täglichen Kaltwasser-Kick gegeben. Was wir ohnehin schon von selbst gelernt haben: Nach dem Sprung ins Wasser nicht direkt duschen zu gehen, sondern von selbst wieder warm zu werden.


Anfang Dezember traf ich mich mit einer Freundin in Wilhelmshaven; nicht der schönste Ort der Welt, aber zumindest konnte ich dort endlich auf einen Weihnachtsmarkt gehen. Da die Bahnverbindung von Norderney nach Wilhelmshaven lächerlich ist und ich auf Norderney nicht in erster Linie das Nachtleben oder die Shoppingmöglichkeiten vermisse, sondern vor allem lange Radtouren, entschied ich mich, mit dem Fahrrad nach Wilhelmshaven zu fahren.
79438179_749440338896883_3028935117528629248_nFaktoren wie eine lange Strecke gepaart mit wenig Zeit sowie eine Sturmwarnung ließen mich zu einem Angehörigen der Menschengattung werden, die ich sonst wenig ernst nehmen kann: Einem E-Bikefahrer.
Dank Sturmwarnung und Angst vor Kälte sah ich aus wie ein wahrgewordener Zwiebellook, als ich in Norddeich losradelte. Zum Glück blieb das Wetter gut; kaum Wind, viel Sonne und mäßige Temperaturen.
Auf dem Hinweg hatte ich am Ende 115 Kilometer auf dem Tacho, da ich mir vom Weg am Deich entlang schöne Ausblicke versprochen hatte – blöd nur, dass man eben immer vor/hinter/neben dem Deich ist (wie auch immer man es nun betrachtet) und gar nicht mitbekommt, dass auf der anderes Seite des Deiches das Meer und weitere Inseln zu sehen sind.
Zurück fuhr ich querfeldein und hatte so nur 85 Kilometer zu bewältigen.
Und: Mir war noch nie so langweilig beim Radfahren – dabei hab ich schon einige längere Radtouren gemacht.
1. Hat mir das E-Bike viel zu viel Arbeit abgenommen; und ganz ohne Unterstützung war mir das Damenrad einfach zu unsportlich unterwegs.
2. Die Landschaft Ostfrieslands dürfte in einem der unmotiviertesten Momente des lieben Herrgotts entstanden sein. Der spannendste Wegabschnitt war ein 30 Meter langer verschmutzter Radwegteil. Auf insgesamt 200 Kilometern ist landschaftlich so gut wie nicht passiert: Plattes Land, Windräder, hin und wieder ein kleiner Bach.
Das einzige, was mich hat wach bleiben lassen, war der Schmerz, den meine gefühlt abgefrorenen Zehen verursachten.
Bei meiner nächsten Radtour durch Ostfriesland werde ich also erstens wieder ohne Unterstützung in die Kette treten und zweitens eine Zeitung oder Strickzeug zur Unterhaltung mitnehmen.


79237657_1000695180263596_1929508581644697600_nSommer, Sonne, Strandkörbe. Damit du, ich und alle anderen Menschen an den Stränden Norderneys das volle Programm genießen können, werden ab Oktober die Strandkörbe repariert – und an Ostern wieder an die Strände zurückgebracht.
Ihr erinnert euch vielleicht: Mit den Technischen Diensten Norderney war ich schon einmal unterwegs – beim letzten Mal, um die Strandreinigung zu begleiten. Heute durfte ich gnädigerweise etwas länger schlafen als beim letzten Mal, dennoch legten auch die Jungs von der Strandkorbreparatur ziemlich früh los: Um 7 Uhr geht’s an Fitmachen der Strandkörbe, da schlafe ich sonst noch gute zwei Stunden. Dieses Mal mussten sich Friedhelm und Michael, die in der alljährlichen Berichterstattung gerne auch mal „Strandkorbdoktoren“ genannt werden, meiner annehmen; mir alles erklären und sich von meinen Fragen löchern lassen.
Über 2000 Strandkörbe lagern auf drei Etagen in der Halle im Gewerbegebiet – und jeder einzelne muss überprüft und repariert werden.
79245092_479506832770904_6900034144080756736_nDie blau-weißen Bezüge müssen erneuert, Polster ausgetauscht und Klapptischchen neu verschraubt werden, reparierte Strandkörbe nach oben geschafft und noch zu reparierende Strandkörbe nach unten gefahren werden. Wind, Wetter und Vandalismus setzen den Körben jedes Jahr ganz schön zu; manche sind irreparabel und werden komplett aussortiert. Gefahrenquelle Nummer 1 für die Strandkörbe: Gruppen betrunkener Menschen, die den gestreiften Wind- und Sonnenschutz mit einer Hüpfburg verwechseln.
Die Werkstatt ist, wie man sich eine Werkstatt in reiner Männerhand vorstellt: Von wenigen Gesprächen über NDR 1 im Radio bis hin zu den obligatorischen Frauenkalendern an der Wand. Frühstückspause wird pünktlich auf die Minute gemacht – mit Kaffee aus der Thermoskanne und geschmierten Broten setzen sich die Männer um einen großen Tisch; statt zu quatschen, ist jeder in den Norderneyer Morgen vertieft. Nur ich füge mich meiner Rolle als Störenfried und quatsche immer wieder in die Stille hinein. Nach der Mittagspause räumen wir noch ein paar dutzend Strandkörbe um, dann habe zumindest ich es schon geschafft; acht-Stunden-Tage passen einfach nicht mehr in meinen Lebensrhythmus. Der Tag bei den Jungs von TDN hat auf jeden Fall Spaß gemacht – und falls euer Strandkorb nächsten Sommer etwas wacklig sein sollte: Den habe ich repariert.


79950330_450470112293907_1135333458910904320_nMitte Dezember stand noch ein Termin auf dem Programm: Ein Team vom NDR begleitete mich in meinem Alltag als Inselbloggerin. Das Ergebnis könnt ihr am 26. Januar um 18 Uhr im Nordseereport sehen. Der Dreh hat super viel Spaß gemacht und ich bin gespannt, wie der Beitrag wird. Mit dabei ist auf jeden Fall auch der Norderneyer Ausrufer Bernd Krüger – schließlich haben wir beide ja in gewisser Weise den gleichen Job; er auf den Straßen Norderneys, ich im Internet 😉


Von mir wars das für dieses Jahr! Euch allen eine schöne Weihnachtszeit und einen aufregenden Jahreswechsel mit guten Freunden. Wir sehen und hören uns im Neuen Jahr!


Fasten-Fazit

Der Fasten-Monat ist zwar noch nicht ganz um, aber ein Fazit kann ich dennoch  ziehen, denn: Ich habe bereits mit meinem Vorsatz gebrochen.
Ab dem 16. November wollte ich einen Monat lang auf Fleisch, Alkohol und meinem Story-Post bei Instagram zufolge auch auf Crystal Meth verzichten. Darauf folgten derart viele schockierte, aufgebrachte Reaktionen, dass ich an dieser Stelle gerne noch einmal sage: Das war ein Witz. Ich habe den Meth-Konsum bis dato nicht für mich entdeckt.

IMG_20191013_190509

Bier & Bratwurst: beides einen Monat lang tabu.

Vor allem zuhause war das Fasten kein Problem: Ich trinke nicht (mehr) allein daheim und Fleisch esse ich ohnehin fast nur auswärts.
Als Mensch, der sich im Restaurant häufig mit Entscheidungen schwertut, war der Monat geradezu eine Wohltat. Dreiviertel aller Gerichte auf der Karte fielen für mich in der Regel weg, auch die Auswahl der Getränke fiel deutlich leichter, nun, da ich die Bier-, Wein-, Cocktail-, und Spirituosenseiten einfach überblättern konnte.
Ich bin zwar sowohl in den Restaurants als auch in den Supermärkten Norderneys immer fündig geworden, muss aber sagen, dass es hier vergleichsweise doch recht wenige vegetarische Alternativen in den Menüs und Supermarktregalen gibt. Vegeteratisch oder vegan wird ein Gericht hier häufig einfach durch das Weglassen der Fleischkomponente denn durch einen ansprechenden Ersatz.
Erschwert wurde der Verzicht auf Fleisch und Alkohol vor allem bei großen Veranstaltungen. Ein Fest auf dem Kurplatz? Gulaschkanone! Ein kleiner Weihnachtsmarkt um die Ecke? Bratwurst und Glühwein!

Auf Alkohol zu verzichten war für mich kein Problem – wenn ich Lust auf Bier hatte, wurde eben alkoholfreies Bier bestellt und beim allabendlichen lebendigen Adventskalender schmeckte mir Kinderpunsch ohnehin besser als Glühwein. Erst durch den Komplett-Verzicht ist mir aufgefallen, zu wie vielen Gelegenheiten ich sonst zumindest ein Glas Wein oder Bier trinken würde – und bei wie vielen Veranstaltungen ein gewisser Konsum geradezu erwartet wird.

80034008_434821110529734_3158700012414697472_n

Ups.

Nun zu meinen Fasten-Brüchen:
In Sachen Fleisch habe ich gleich zweimal gegen mein eigens auferlegtes Verbot verstoßen. Einmal war ich bei einer Freundin zum Essen eingeladen –  und es gab Spaghetti Bolognese. Ich weiß nicht, wie zuträglich es für ein freundschaftliches Verhältnis gewesen wäre, wenn ich sie zurück an den Herd geschickt hätte.. also „sündigte“ ich schon an Tag 5.
Auch mein zweiter Verstoß war nicht so richtig selbst verschuldet: Ich bestellte zwar extra einen Eintopf ohne Wurst – das bewirkte aber leider kein Verschwinden der Schinkenwürfel darin. Keine Ahnung, ob das als halb-vegetarisch-weil-gut-gemeint zählt; ich denke aber nicht.
In Sachen Alkohol habe ich länger durchgehalten, aber am 10.12 war ich dann doch zu sehr Guter-Kumpel, als dass ich meine Freundin in Wilhelmshaven allein hätte trinken lassen. Da gabs dann auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein mit Amaretto – und ich hatte direkt die Lampen an.

Mein Fazit: Es ist definitiv möglich, auf beides zu verzichten – und theoretisch ist es auch gar nicht so schwer. Praktisch bin ich aber einfach super schlecht daran, mich an Komplett-Verbote zu halten. Sowohl bei Alkohol als auch bei Fleisch ist ein bewusster und geringer Konsum in vielerlei Hinsicht einfach sinnvoll – und das werde ich auch in Zukunft anstreben, ohne daraus wieder ein „Projekt“ zu machen.

Nachdem ich vorgestern ein Video über die Zustände in Massentierhaltungs-Betrieben gesehen habe, ist mir vorerst ohnehin der Appetit auf Fleisch vergangen, von dem ich nicht weiß, woher es kommt; oder von dem ich eben weiß, dass es aus Massentierhaltung stammt. Und auch, wenn es einige nerven und sich viele der Salami auf dem Butterbrot beraubt fühlen dürften: Wenn eine Packung Hack 4€ oder eine Packung Wurst 1,50€ kostet – dann hat das Tier, das da in Teilen drin liegt, definitiv kein ansatzweise mit Ethik zu vereinbarendes Leben und wahrscheinlich nicht einmal einen vertretbaren Tod erfahren dürfen. Einfach nicht kaufen – Brot schmeckt auch mit Hummus 😉


Tischlein deck dich

„Bis zum 26.12 geschlossen“, „Wir machen Winterpause“, „Wir sehen uns im Neuen Jahr“ – viele Fensterscheiben der Restaurants und Cafés auf Norderney begrüßen durchgefrorene Urlauber und Insulaner aktuell mit Zetteln wie diesen. Gut, dass ich die Zeit vor dem zwischenzeitigen Insel-Ruhestand für einige Café- und Restaurantbesuche genutzt habe!

IMG_20191117_113059Ins DeVries am Norstrand hatte ich es bisher immer nur auf einen Kaffee oder Tee geschafft. Letzten Monat war ich dort endlich einmal frühstücken und: Die Auswahl beim großen Nordstrandfrühstück war großartig: Müsli und Joghurt, Croissants, Brötchen und Brot, Rührei, Konfitüre, Wurst, Käse, Krabben, Kaffee und Saft. Auf dem Tisch stand alles, was man für einen guten Start in den Tag braucht. Die besten Plätze am Fenster waren leider schon belegt, aber das war wirklich der einzige Punkt, den wir zu bemängeln hatten. Das nächste Mal kommen wir dann eben einfach früher. 😉

78526359_997781553891878_6626872527543074816_nIns Oktopussy wollte ich schon immer mal – einfach weil es von außen gemütlich, stylish und cool aussieht. Das Service-Team ist superfreundlich und aufmerksam, das Sauerteigbrot vorweg himmlisch lecker und noch warm. Als Hauptgang wählte ich Falafel mit Auberginencurry, Minz-Joghurt, Kichererbsen-Salat und Hummus. Auch: Superlecker. Ich freue mich schon, wenn die Rooftop-Bar Skyfall im Sommer wieder geöffnet hat und man auf dem Dach des New Wave Hotels ein paar Drinks zum Sonnenuntergang genießen kann.

77416709_487279372212766_6534369884153839616_nIm Stadtcafé ganz in der Nähe des Kurplatzes gibt’s Frühstück nach dem Ankreuz-Prinzip, was ich eigentlich immer gut finde. Aus zig Kleinigkeiten sein eigenes Frühstück zusammenstellen ist meist deutlich besser, als eine große Auswahl zu bekommen, bei der man zwei Komponenten vielleicht gar nicht so sehr mag. Ich fand’s schön dort: Süß angerichtet auf einer Etagere, leckeres, frisches Obst und Gemüse als „Dekoration“ dazu, ohne es extra bestellen zu müssen. 

78417954_490349488248743_2255042101676867584_nIm Neys Place am Hafen war ich bisher nur  einmal für Kaffee und Kuchen – bevor das Restaurant aber für drei Wochen schließt, wollte ich dort einmal „richtig“ gegessen haben. Ich entschied mich für den vegetarischen Burger mit einem Patty aus schwarzen Bohnen und Schmorzwiebeln. Die Pommes waren perfekt gewürzt und schön knusprig, dafür hat mich das Patty leider weder von der Konsistenz noch vom Geschmack her überzeugt. 78359772_562178384357055_651399083985993728_nVorweg gab es einen kleinen Gruß aus der Küche, der von den Zutaten her (zum Glück) nur 2 von 5 Leuten am Tisch zusagte – mehr für mich :). Der Service war den ganzen Abend über sehr aufmerksam und freundlich; die Dessertplatte, die wir uns im Anschluss teilten, wurde extra für uns zusammengestellt und ließ und mehr als satt und zufrieden zurück.

Von manchen Freunden werde ich für meine Milchreis-Liebe verspottet, von anderen verstanden, unterstützt und begleitet.
Mittlerweile habe ich in 9 Restaurants auf der Insel Milchreis gegessen – und bin immer auf der Suche nach weiteren Orten, die das Wohlfühl-Gefühl in Schalen auf der Karte haben.
Den Milchreis in der Milchbar fand ich sehr lecker, jedoch ist es mir dort meist etwas zu voll und zu wuselig, so richtig zurücklehnen und entspannen: Das kann ich da nicht.
Auch den Milchreis in der Marienhöhe fand ich super: Der Ausblick ist unschlagbar, der Service schnell und woran die meisten anderen Restaurants sparen – obwohl der Milchreis nur mit Zimt und Zucker bestellt wurde, hatten sich ein paar Blaubeeren auf den Milchreis verirrt. Macht optisch viel her und sieht einfach nochmal liebevoller aus – top!
Der Milchreis im Kurpalais wird leider mit Vanille zubereitet – das ist nicht so ganz mein Ding. Dafür ist der Ingwertee dort super – im Gegensatz zu anderen Cafés geizt das Kurpalais nicht mit Ingwerscheiben.
Ich bleibe dabei: In der Meierei ist es einfach schön und super gemütlich. Mit einem heißen Tee und einer großzügigen Portion Milchreis lässt sich das Herbst-Winter-Wetter bestens ertragen.

Milchreis, Frühstück, Suppe: Hatte ich alles schon im Surfcafé. Noch vor meinem vegetarischen Monat habe ich dann auch mal „richtig“ dort gegessen: Den Winterburger mit Camembert und in Rotwein eingelegten Birnen. Mega lecker! Einfach ein richtig guter Burger.

Frühstück, Milchreis, Kuchen, Pasta: Auch im Friedrich hat bisher jeder Besuch überzeugt – deshalb kehre ich auch immer wieder zurück. Und mein zweites Zuhause: Das Strandrestaurant Riffkieker mit wechselnden Eintöpfen – perfekt für die Mittagspausen einer meiner richtig arbeitenden Freundinnen.

Was mich auf Norderney nach wie vor nicht so wirklich überzeugt: Die Mehrzahl der Bars und Kneipen. Dass hier meist noch geraucht werden darf, will einfach nicht in meinen Kopf. Wenn dann noch Unfreundlichkeit – getarnt als norddeutsche Wortkargheit – dazukommt, bin ich raus – und trinke mein Bier lieber in einer rauchfreien Bar oder direkt daheim; zu moderaten Preisen.


siebenundsiebzig

77 Tage bin ich jetzt schon auf Norderney – was auch bedeutet, dass ein Fünftel meiner Zeit bereits vorbei ist. Gefühlt rast die Zeit, vielleicht aber auch, weil entgegen meiner Erwartungen immer noch relativ viel los ist.

IMG_20191129_141114Am Freitag war – wie ganz zu Beginn meiner Inselzeit – wieder eine Klima-Demo im Rahmen von Fridays For Future. Unter dem Motto „Wenn das Wasser steigt“ traf sich eine Gruppe Norderneyer mit Gummistiefeln, Eimern und Plakaten bewaffnet an der Fähre und begrüßte die ankommenden Gäste mit Handzetteln und dem Klima-Lied „Do it now“.  Organisiert wurde der Streik am Hafen von der Initiative „KURVE-Wende-Norderney“, deren Name sich aus den Wörtern Klima, Umwelt, Ressourcen, Verkehr und Energie ergibt.

Auch eine Veranstaltung am Samstag widmete sich Nachhaltigkeit und der Frage, wie jeder Einzelne etwas verändern kann. Veränderung mögen scheinbar vor allem Frauen – oder Männer wissen schon über alles Bescheid – auf jeden Fall war unter den Teilnehmern am Workshop „Plastikfrei leben – unverpackt und selbstgemacht“ im Badehaus lediglich ein Mann dabei. Im Workshop von Perpetuum Mobility e. V. , einer Organisation, die sich für einen bewussteren Umgang mit der Umwelt einsetzt, wurde erst diskutiert, in welchen Bereichen unseres Lebens Plastik verwendet wird (in etwa allen) – und wo und wie wir darauf verzichten können. Im letzten Teil des Workshops stellten wir unser eigenes Deodorant her. Die kommenden Workshops kann ich jedem nur empfehlen: Wichtige Themen werden spielerisch und im Diskurs behandelt, statt mit belehrend erhobenem Zeigefinger erklärt.


dav

Ihr erinnert euch vielleicht – seit dem 1.11 gehe ich täglich mit einer Freundin ins Meer. Der erste Monat ist um und: Man gewöhnt sich tatsächlich daran. Wovon wir ganz fest ausgegangen sind: Dass wir nie wieder krank werden. Aktuell läuft uns leider beiden die Nase. Vielleicht aber auch, weil wir einiges falsch machen. Scheinbar gibt es beim Gang ins kalte Wasser mehr Regeln, als sich erst auszuziehen, schwimmen zu gehen, dann wieder anzuziehen und irgendwie wieder warm zu werden. Deshalb gehen wir morgen einmal mit einer absoluten Expertin in Sachen Kälte ins Wasser: Frau Rass, der Klimatherapeutin der Insel.


IMG_20191120_140259Seit dem 17. November gibt es eine neue Sonderausstellung im „Museum Nordseeheilbad Norderney„. Die Ausstellung läuft unter dem Titel „Eine Insel im Krieg“ und thematisiert die erweiterte Kinderlandverschickung, die ab 1941 auch Norderneyer Kinder betraf. Tatsächlich hatte ich mir bis zu meinem Besuch im Bademuseum wenige Gedanken dazu gemacht, wie sich der Krieg auf das Leben der Insulaner ausgewirkt haben könnte. Während in Städten zig Denkmäler und Museen auf die jeweilige Kriegsvergangenheit hinweisen, gibt es auf Norderney kaum Anhaltspunkte, die an die Kriegsjahre erinnern. Durch die Ausstellung im Bademuseum habe ich meine Wissenslücke nun schließen können und kann einen Besuch der Ausstellung nur empfehlen – dies ist noch bis Mai 2020 möglich.



IMG_20191128_170346Seit dem 26.11 leuchten die Weihnachtslichter auf dem Kurplatz, auch das Tor zur Krippe ist geöffnet. Auf das Christkind in der Krippe muss aber noch gewartet werden: Bis zum 24.12. Angeblich legen aber immer mal wieder Touristen Ü-Eier und ähnliches in die Krippe, damit Maria und Josef nicht ins Leere starren müssen. Ich werde Wache halten und die Bösewichte zurechtweisen die Ü-Eier essen. Auch der Weihnachtsmarkt samt Glühwein und Essens-Spaß lässt noch auf sich warten: Erst am 27.12 gibt’s auf Norderney einen Weihnachtsmarkt – wenn die Insel zwischen den Feiertagen und über Silvester noch einmal richtig voll ist.


IMG_20191125_200039Ende November fühlte ich mich eigentlich schon zu sehr als Experte, um zur Virtuellen Stadt – und Inselführung im Conversationshaus zu gehen. Schließlich hatte ich (fast) alles auf der Insel schon mehrfach gesehen. Der bebilderte Vortrag von Jürgen Hoenicke, der auch Stadtführer auf der Insel ist, bot jedoch überraschend auch für mich (und andere Norderneyer) zahlreiche neue Informationen. Ich wusste zum Beispiel vorab noch nicht, dasss Norderney im Sommer die verkehrsunfallträchtigste Kreuzung Ostfrieslands zu bieten hat – oder dass die Milchbar im Winter auch Seniorenaquarium genannt wird. Egal ob Neuankömmling, Ur-Norderneyer oder Gäste, die nicht mehr gut zu Fuß sind: Der informative, unterhaltsame Vortrag lohnt sich für jeden, der auf der Insel ist.


herbstende

Ende November – und ich bin immer noch voll im Herbstmodus und gedanklich eher im Laub als auf Weihnachtsmärkten unterwegs.  Angesichts der vielen Fotos von Glühweinbuden und Crêpes-Ständen, die mich von Freunden erreichen, muss ich aber wohl oder übel einsehen, dass es steil auf den Winter zugeht – und zwischen heute und Weihnachten nur noch 28 Tage liegen.

78292053_439537196633435_4739750054724632576_n

Auch auf Norderney gibt es einen Weihnachtsmarkt – allerdings erst ab dem 27. Dezember

Der Himmel scheint seine Farbe für die Herbst-Winter-Saison auf jeden Fall schon gefunden zu haben: Grau. Den Unterschied zwischen Morgen und Mittag, Mittag und Abend erkennt man häufig nur daran, dass dunkles Grau zu hellem Grau und helles Grau wieder zu dunklem Grau wird.
Ich weiß, dass sich über Schönheit streiten lässt – und Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt – aber so ganz rational gesehen, hat ein vollkommen grauer Tag einfach wenig Schönes an sich hat. Und dennoch: Wenn ich nicht gerade im Bett liege, aus dem Fenster starre und mich frage, ob es irgendeinen nennenswerten Grund gibt, heute noch das Haus zu verlassen – also wenn ich draußen bin, ob am Strand, in den Dünen oder auf irgendeiner Straße, die mitten durch all das Grau-in-Grau führt – dann haben auch diese rational-hässlichen Novembertage was für sich. Alles scheint wie in Watte gepackt, jedes Geräusch wirkt gedämpft; fast vom Nebel verschluckt und Menschen scheinen nur noch in den Cafés mit Kerzenlicht und Kamin vor einer heißen Tasse Tee zu existieren.
Norderney im November-Grau: Unendlich friedlich – und gleichzeitig verstehe ich, wieso es trotz der verschwindend geringen Mordfälle so viele Ostfriesen- und Inselkrimis gibt. Die stumme, triste Landschaft und der alles-vertuschende Nebel liefern die perfekte Kulisse für ein Verbrechen.

78503420_580183252745032_4806311168660471808_n

Leere Straßen, grauer Himmel: Norderney im November.

Vielleicht passiert hier trotz perfekter Krimi-Szenerie kaum etwas Schlimmes, weil jeder auf der Insel direkt Bescheid wüsste. Denn: Anonymität ist hier ein Fremdwort.
Jetzt, da die Urlauberzahlen deutlich abgenommen haben, erkenne auch ich als Neuling langsam aber sicher, wer zur Insel „gehört“ und wer nicht. In Restaurants spiele ich mittlerweile in Gedanken das Spiel „Wer ist Touri, wer Insulaner“ durch. Die Ur-Insulaner brauchen solche Spiele natürlich nicht mehr. Sie wissen, wer auf der Insel lebt (und wie lange schon), womit die Person ihr Geld verdient (und wie viel davon) und gefühlt sogar, was es gestern zum Mittagessen gab und welches Fernsehprogramm lief. Ganz so extrem ist es natürlich nicht – und doch spielt Klatsch und Tratsch hier – ganz ähnlich wie in meinem Heimatdorf – eine wichtige Rolle. Ich habe mir vorgenommen, einen Monat lang weder Alkohol noch Fleisch zu konsumieren und fürchte, dass ich angesichts meiner Malzbier- und Wasserbestellungen ganz bald Geschenke zur bevorstehenden Geburt meines Gerüchteküche-Babys erhalten werde. Privates und Berufliches trennen – das ist hier kaum möglich:  Den Kollegen begegnet man im Wartezimmer beim Arzt, dem Arzt abends beim Sport, dem Sportkursteilnehmer in der Sauna und der, der den Aufguss in der Sauna macht, wohnt zufällig im gleichen Haus.

74375387_1354919744665885_7821253076580302848_n

Besser, man sucht sich vor dem Winter Freunde: Wenn es draußen eklig wird, spielt sich das Leben drinnen ab.

Die fehlende Anonymität hier ist nicht generell schlecht oder gut – sie ist in manchen Momenten einfach praktischer als in anderen. Vollkommen betrunken durch die Straßen wanken: In Köln auf jeden Fall weniger peinlich, wenn niemand einen kennt – nicht einmal der eigene Nachbar.  Noch betrunkener durch die Straßen wanken und nicht mehr wissen, wie man nach Hause kommt: Auf Norderney praktisch; jeder weiß, wo der andere wohnt. Oder wenn es eben um gegenseitige Hilfe geht, um das Ausleihen von zB einer Bohrmaschine – erstens weiß man, wer eine Bohrmaschine haben könnte, zweitens weiß die andere Person sicher, dass sie diese wieder zurückbekommt – schließlich will keiner, dass jeder auf der Insel über die eigene Unzuverlässigkeit Bescheid weiß.

Schon, dass man den gleichen Wohnort gemein hat, schafft auf Norderney ein Zusammengehörigkeitsgefühl – man teilt die Abgeschiedenheit, die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und steuert die gleichen Supermärkte und Restaurants an. Dadurch, dass man sich ständig wieder über den Weg läuft, „kennt“ man sich viel eher als in der Stadt. Es wird seine Gründe haben, dass es nur das Wort Dorfgemeinschaft, nicht aber das Wort Stadtgemeinschaft gibt. Gelebtes Gemeinschaftsgefühl beispielsweise gibt es in Großstädten gefühlt nur zu besonderen Anlässen, in Köln an Karneval und bei Fußballspielen.

Bisher habe ich die fehlende Anonymität auf Norderney vor allem positiv erfahren: Freundschaften, Bekanntschaften und zig Hilfsangebote beim Umzug.  Der wohl beste Nebeneffekt, wenn jeder jeden kennt: Bei ebay kleinanzeigen gehen Käufer und Verkäufer besser miteinander um. Die klassischen ebay-Phrasen „Letzte Preis??“, „Noch da?“ und „Mach billiger“ werden durch vollständige, freundliche Sätze ausgetauscht.


no rush november

76661233_592798588210581_7744579200153026560_nNovember: Die Insel leert sich zusehends, alle Events des laufenden Jahres passen auf eine der großen Anzeigetafeln, Himmel und Meer bilden eine graue Einheit, auch in diesem Moment regnet es; erst um 21 Uhr soll der andauernde Nieselregen kurz aufhören. Die Strandkörbe sind schon längst im Winterschlaf, in Hotels wird renoviert, was das Zeug hält und die Gastronomen können sich nach Monaten des Durcharbeitens endlich mal ein bis zwei freie Tage in der Woche erlauben oder überwintern direkt an einem sonnigeren Ort. Selbst am sonst so belebten Nordstrand kann man zuweilen allein unterwegs sein.
Auch für mich stehen deutlich weniger Veranstaltungen an als noch im September und Oktobert – in meine Wochen schleicht sich langsam so etwas wie Routine; Alltag.

 


74847193_2124336204334230_4597394823987593216_nSeit dem 1.11 gehe ich täglich mit einer Freundin ins Meer; schwimmen bei Temperaturen, die wenig Spaß, aber dafür umso mehr Gänsehaut machen. Das war ihre Idee – und ich reibe es ihr an besonders ungemütlichen Tagen gerne unter die Nase. Sie hat mir versprochen, dass ich am Ende des Winters nicht mehr wissen werde, was Cellulite überhaupt ist, die Idee hat mich also schnell überzeugt. Bis auf die vier Tage, an denen ich auf dem Festland war, quälen wir uns also – meist morgens – ins kalte Nass; und erzählen jedem Strandspaziergänger, dass es gar nicht so schlimm sei und man sich an alles gewöhnen würde. Stimmt auch; trotzdem meckern wir jeden Tag auf den ersten Metern vor uns hin und freuen uns stets auf die warme Dusche im Anschluss.

 


76654205_522484778592700_890575427469312000_nEine Unterbrechung meiner Einkaufen-Meer-Chor-Sport-Badehaus-Routine: Vier Tage Köln und Heimatbesuch, um meine Wohnung aufzulösen, Möbel zu schleppen und zu verkaufen, noch einmal Stand-Up-Bühnenluft zu schnuppern und: Bis um 12 einkaufen zu gehen; was für ein Leben. Auf der Fahrt von meiner Weserbergland-Heimat zurück nach Norderney verschwinden erst alle herbstlich-bunt-gefärbten Hügel, dann setzt Regen ein, die Landschaft vor mir ähnelt einem Pfannkuchen; nicht geschmacklick oder farblich, sie ist nur einfach sehr platt; Windräder über Windräder tun sich am Horizont auf. Aber dann, angekommen in Norddeich: Ein wunderschöner Sonnenuntergang überm Meer – zurück geht’s in die neue Heimat.


75464096_422387608696497_8092157726458642432_n(1)Anfang November war ich beim Song Ping Pong im Wohnzimmer des Insellofts. Und es hat wieder alles gepasst: Von der lauschig-gemütlichen Atmosphäre in kleiner Runde mit Sitzkissen, Kaminfeuer und Wein, über das gesamte Team des Insellofts, das wie immer superfreundlich war, hin zu großartiger musikalischer Unterhaltung von Neil Hickethier und Lennart Salomon. Entspannte Stimmung, Gitarre und Gesang und kleine Anekdoten aus dem Leben der Musiker: Das Wohnzimmerkonzert; ein Wohlfühlabend wie unter Freunden.


Ebenfalls zu Beginn des Monats: Der Talentetreff des Norderneyer Laientheaters. Das Treffen richtete sich an alle Norderneyer von 6 bis 99 Jahren und war keineswegs nur für Schauspieler gedacht. Ob man besonders gut nähen, schminken oder organisieren kann – für jeden gibt es etwas zu tun.  Ich ging gemeinsam mit einer Freundin zum Treffen – sie ist nun festes Mitglied in der Theatergruppe. Da die Woche nur sieben Tage hat, beschloss ich, dass ich mich lieber weiterhin Bodyforming statt Bühnenperfomance widme; und so weiterhin meine wöchentliche Portion Milchreis essen kann. Ich freue mich aber schon darauf, im Frühsommer eine Aufführung des Laientheaters besuchen zu können. 


76653276_1136219463383144_4716825525048311808_nIm Oktober war ich schon einmal für Kaffee, Tee und Klatsch& Tratsch in der Tagespflege Marienresidenz. Nicht nur der Ostfriesentee scheint auf Norderney nie auszugehen, auch Klatsch & Tratsch gibt es auf einer Insel immer zur Genüge: Der erste Rat, den ich von der bunt gemischten Gruppe aus Insulanern, Zugezogenen und Rückkehrern erhielt: „Werden Sie bloß nicht die Zweitfrau von jemandem. Das spricht sich hier immer direkt rum“. Vor einigen Tagen war ich dann erneut dort, dieses Mal ging es nicht um meine Männerwahl: Die Senioren aus der Tagespflege bekamen Besuch von Junioren aus dem benachbarten Kindergarten, um gemeinsam Weihnachtsdeko zu basteln.  Über 90 Jahre Altersunterschied lagen zwischen dem jüngsten und dem ältesten Mitglied der Runde.  Von Berührungsängsten keine Spur: Kaum waren die Bastelutensilien auf den Tischen verteilt, setzten sich auch die Kinder auf die leeren Stühle zwischen die älteren Herrschaften und hielten sich nicht lang mit Smalltalk auf – es ging direkt an die Scheren und Klebestifte.
Gute Laune, gegenseitige Hilfe, mit Glitzer überladene Sterne, Weihnachtsbäume und Engel, Klebereste auf den Tischen und gemeinsamer Stolz auf die fertiggestellte Weihnachtsdeko: Der Bastelvormittag war für alle Beteiligten ein schönes Erlebnis. 

 


wohl bekomm’s!

Ich muss mich gleich zu Beginn entschuldigen. Manchmal bin ich eine unfassbar schlechte Bloggerin: Oft esse ich, bevor ich daran denke, dass ich eventuell ein Foto vom Essen machen sollte.

73322857_421351228547921_3284839555470983168_nHausmanns Kost & Deli
Bei Hausmanns Kost&Deli auf der Jann-Berhaus-Straße geht es gemütlich zu: Da es in dem kleinen Restaurant nur eine begrenzte Anzahl an Tischen gibt, werden Neuankömmlinge zu Fremden an den Tisch gesetzt; ein freundliches Miteinander in großer Runde, etwas wie zuhause bei Familienzusammentreffen. Und das will Hausmanns Kost&Deli auch: Essen servieren, das traditionellen Genuss wie bei Muttern in Verbindung mit kreativem Küchenhandwerk setzt.
Die Karte ist übersichtlich, dürfte aber dennoch für jeden etwas im Angebot haben. Weil es draußen ungemütlich kalt ist, entscheide ich mich für zwei Gerichte, die in Schüsseln serviert werden, denn: An kalten, dunklen Tagen ist Schüssel-Löffel-Essen mein ganz persönliches Soul Food. Der Service ist schnell, freundlich und aufmerksam. Sowohl das Vegetarische Curry als auch der Milchreis mit Roter Grütze schmecken super lecker – auch wenn meine Mama anders kocht.

72819666_2355440898118121_9020671510586589184_n(1)Kurpalais
Ob Frühstück, Mittagessen, Kaffee & Kuchen oder ein-zehn Getränke an einem Konzertabend: Das Kurpalais im Conversationshaus versorgt Gäste den ganzen Tag über. Während mir tagsüber manchmal – der Lage geschuldet – etwas viel Betrieb ist, finde ich das Kurpalais abends umso gemütlicher. Eine wirklich schöne Bar, gemütliches Licht und Blick auf den erleuchteten Kurplatz. Egal ob für einen Kaffee, Kaiserschmarrn mit Apfelmus (große Portion und echt lecker) oder Wein – bisher hatte ich dort immer eine gute Zeit.

74788725_427223801546192_2058842991958687744_nMr. Nice Pizza
Das Restaurant in der Winterstraße ist modern und schön eingerichtet, wäre allerdings nicht meine erste Wahl für einen gemütlichen Restaurantbesuch. Gut, dass wir ohnehin Pizzen zum Mitnehmen haben wollten. Das Angebot ist genau richtig: Nicht zu groß, nicht zu klein, kreative Namensgebungen der Pizzen (z.B. Pizza Norderney statt Pizza Hawaii). Meine Brokkoli-Pesto-Schafskäse-Pizza war super lecker; gewartet haben wir etwa 20 Minuten.

74205747_425641488114090_9196286800560128000_nRistorante Da Sergio
Am Ende der Fußgängerzone (Damenpfad) liegt das Ristorante Da Sergio. Ich war zur Mittagszeit da – entsprechend mäßig besucht war das Lokal, entsprechend schnell der Service. Bruschetta und Rotbier standen innerhalb kürzester Zeit vor mir. Das Bruschetta war knusprig, würzig, lecker und an genau den richtigen Stellen etwas durchgeweicht. Ich komme gern noch einmal für ein richtiges Essen wieder; denn gemütlich ist es dort definitiv.

74951484_418493525506249_9065345230663843840_nStrandStulle
Der Subway Norderneys: Die StrandStulle im ehemaligen Haus Schifffahrt an der Bülowallee serviert als Sandwichmanufaktur nicht nur Sandwiches, sondern auch Muffins, Getränke und Smoothie Bowls. Ein großartiger Laden auch für alle Nachteulen der Insel: Am Wochenende hat die StrandStulle bis 5 Uhr nachts geöffnet. Freundlicher Service, gute Beratung, leckerer Sub: Ich war sehr zufrieden.


es ist kompliziert.

Was vielfach als Beschreibung einer semioptimalen Beziehung herhalten muss, fasst auch in vielerlei Hinsicht das Leben auf einer Insel in Worte; das Leben auf Norderney.

Die Kompliziertheit des Insulanerdaseins, sie fängt für die Norderneyer schon mit der Geburt an: Es gibt keine Geburtenstation auf Norderney. Ich persönlich schätze meinen Gemütszustand kurz vor der Geburt so ein, dass eine Fährfahrt das Letzte sein dürfte, auf das ich Lust hätte. Aber – wat mutt, dat mutt – und so haben Norderneyer Familien wahrscheinlich mehr spannende Geburtsgeschichten zu erzählen, als die meisten Festlandfamilien.
Immerhin: Seit Januar gibt es auf Norderney mit Julia Gotschlich wieder eine Hebamme, die Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse gibt und werdenden Eltern bei Fragen oder Problemen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Kompliziert geht’s weiter: Schiel-Probleme, schlechte Sehkraft; bunte Pflaster oder Brillen bekommt nur, wer vorab auf die Fähre steigt. An sich ist die Ärzteversorgung auf Norderney zwar vergleichsweise gut, Augenärzte z.B. gibt es aber nur auf der anderen Seite des Wassers.

Auch für den Führerschein müssen Insulaner erst aufs Boot. Klingt zwar zunächst umständlich und nervig, letztlich würde ich aber auch niemandem im Straßenverkehr begegnen wollen, der mit Abschluss der Fahrprüfung als Höchstgeschwindigkeit 50 km/h verzeichnen kann, noch nie an einer Ampel gestanden und lediglich drei verschiedene Straßen befahren hat.
Die Lernerei an sich scheint mit viel Fahrerei verbunden zu sein: Wer einen höheren Schulabschluss anstrebt, muss die Insel verlassen – nach der 10. Klasse ist auf Norderney Schluss, danach geht es entweder pendelnderweise aufs Gymnasium oder direkt aufs Internat. Wenn ich überlege, wie früh aufgestanden werden muss, um pünktlich zur ersten Stunde auf dem Festland zu sein – ich würde nicht hingehen.

Weiter geht’s mit Sport: Wer auf Norderney beispielsweise in einer Fußballmannschaft spielt, kann für ein Auswärtsspiel natürlich nicht nur bis ans andere Ende der Insel fahren und dort auf den Gegner treffen. Auch hier steht jedes Mal erst eine Fährfahrt an, ein Spieltag kann also gerne mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen.
Auch Sportbegeisterten, die auf Langstrecke trainieren, legt das Inselleben Steine in den Weg. Eine 180 km lange Radstrecke beispielsweise wird nun einmal nicht zwingend spannender, wenn man alle 10 Kilometer umkehren muss und immer wieder das Gleiche sieht. Immerhin bietet die Insel ausreichend Wind, was einen zusätzlichen Trainingseffekt verspricht.

Die Pubertät samt Folge-Teenagerjahren stelle ich mir am schwierigsten vor: Du willst Mädels kennenlernen, kennst sie aber schon alle – immerhin wart ihr schon gemeinsam in der Krabbelgruppe. Auch Tinder dürfte nicht die größte Hilfe sein – sobald der Radius auf über 10 km gestellt und ein potentieller Partner gefunden wird, muss ständig die Fahrt mit der Fähre bezahlt werden. Umgekehrt müsste der Festland-Partner hier sogar immer noch für die Kurtaxe aufkommen: Eine Beziehung, die an die Substanz, ins Geld geht. Für die meisten Insel-Jugendlichen dürfte deshalb gelten: Auf den Sommer warten, wenn zahlreiche feierwütige Inselgäste und Saisonarbeiter auf die Insel strömen. „Fährenweise Frischfleisch“ empfinde ich als schönen Titel für dieses Sommer-Phänomen. Auch der Disko-Besuch gestaltet sich schwierig, wenn alle Locations, in denen die eigenen Eltern oder Menschen aus der Generation der Eltern feiern gehen, ausgeklammert werden.

Was ich oft vergesse: Es müssen nicht nur alle Touristen irgendwie hier auf die Insel kommen, sondern eben einfach alles, was man für den täglichen (oder lebenslänglichen) Gebrauch benötigt. Außer Meer und Sand ist auf einer Insel nicht viel vorhanden. Alles, was in den Regalen steht, im Restaurant serviert wird, alle Möbel, Geschirre, Tiere – was auch immer: Es muss erstmal auf ein Schiff und rübergefahren werden.

Touristen, Zugezogene und mich tangieren diese Probleme natürlich kaum. Das Einzige, was mir hier das Leben schwer macht? Der Sand. Ich kann saugen und fegen, so viel ich will; irgendwo in der Wohnung liegt immer Sand.

Auch wenn das Leben auf einer Insel oft etwas komplizierter ist: Mit dem Strand, der Nordsee und den Wellen direkt vor der Haustür dürfte sich jeder Insulaner oder Zugezogener sagen: Das ist es wert.

IMG_20191005_141545