Endspurt

Heute sind es noch 38 Tage, die mir auf der Insel bleiben – und wenn man meine Pläne für die verbleibende Zeit betrachtet, könnte man meinen, dass ich schon jetzt möglichst weit von Norderney entfernt sein will: Ein Inselrundflug, ein Fallschrimsprung und ein Ausflug nach Juist stehen auf meiner Wunschliste – also gar nicht mal so norderney-lastig, die letzten Wochen. Ansonsten steht viel Besuch an; Norderneyurlaub für Freunde auf den letzten Drücker sozusagen.

In den letzten Tagen konnte ich noch einige neue Dinge auf Norderney erleben – und das nach über 10 Monaten Inselzeit.



117128765_293155275283263_4997932724097901859_nEin bisschen belächelt habe ich die Segway-Gruppen immer, wenn sie mir auf der Insel begegneten – schließlich sieht die Fortbewegung mit dem einst als Mikromobilitäts-Pionier gefeierten Gefährt doch etwas seltsam aus. Umso gespannter war ich, als ich zu einer Segwaytour eingeladen wurde. Auch, weil ich gerade erst gelesen hatte, dass die Produktion des „Segway Personal Transporters“ zum 15.Juli eingestellt worden war.
Tourguide Michael von LandTours Norderney konnte die Gruppe aber beruhigen:  Zumindest auf Norderney sollten Segwaytouren auch in zwanzig Jahren noch möglich sein, so gut ausgestattet ist das LandTours-Team.

Hinter den Segwaytouren stehen Jana und Michael Glabisch – eine Familie, die viele Ideen und frischen Wind auf die Insel brachte. Nicht nur die Segwaytouren, sondern auch Segwaypolo, der Escape Room am Golfhotel und das Cocktailtaxi, das Durstige überall auf der Insel mit frischen Drinks versorgt, wurden von den beiden ins Leben gerufen.

Wir treffen uns um 10 Uhr hinterm Cornelius am Nordstrand; neben meiner Freundin Rahel und mir wollen sich noch acht weitere Leute aufs Segway wagen – bis auf einen alle das erste Mal.  Tatsächlich ist das auch die maximale Gruppengröße, mit der Guide Michael die Touren macht – schließlich will er sich bestmöglich um jeden Teilnehmer kümmern können.  Nur bei großen Gruppenbuchungen wie zum Beispiel von Firmen oder Geburtstagen macht er eine Ausnahme.
117109226_337773080570567_6192773580857650404_nDass er sich gut um jeden Gast kümmert, wird gleich zu Beginn klar. Zwar sind die Einweisungen mit Witzen und lockeren Sprüchen gespickt, aber trotzdem merkt man, dass ihm die Sicherheit der Teilnehmer besonders wichtig ist; und so gibt es kleine Probefahrten für jeden in der Gruppe. Ich frage trotzdem noch einmal lieber nach, ob es schon einmal Unfälle auf den Touren gab – aber angeblich ist bisher immer alles gut gegangen. Als alle sicher auf den Segways stehen, geht es los: Vom Nordstrand durch die Nordhelmsiedlung bis hin zum Bahnhof Stelldichein, an der Weissen Düne vorbei bis zum Wasserwerk, von dort Richtung Leuchtturm und durch ein Waldstück (das selbst ich noch nicht kannte), über den Planetenweg, am Klärwerk entlang bis zum Hafenbecken und über die Promenade zurück zum Ausgangspunkt. Eine ordentliche Strecke also, die wir mit Sicherheitsabstand wie eine große Entenfamilie auf den Segways zurücklegten. Immer mal wieder gab es kleine Übungseinheiten, die Herausforderung und Spaß zugleich brachten oder Erklärungen von Michael zu den verschiedenen Orten, an denen wir uns befanden. Für mich war die dreistündige Segwaytour der perfekte Mix aus Inseltour, Information und Spaß am Fahren; ein großes Plus war mit Sicherheit auch, dass Michael ein echter Entertainer ist – und ihm am wichtigsten ist, dass am Ende alle mit einem breiten Grinsen vom Segway steigen.
Nach der Fahrt konnte die Gruppe im Cornelius bei Kaffee und Kuchen entspannen und sich über die Tour austauschen. Die Zeit ohne Segway unter den Füßen nutzte Michael außerdem dazu, die Gruppenmitglieder mit Fotos und Videos zu versorgen, die er während der Fahrt gemacht hatte.

Meine Freundin und mich lud Michael außerdem zu einem Schnuppertraining Segwaypolo ein: Wir sind gespannt und freuen uns drauf!

Die Touren finden jeden Tag statt, nur bei Sturm und Gewitter fällt der Segway-Spaß aus. Teilnehmer müssen mindestens 14 Jahre alt sein.



117116700_218779949459973_6739928594117163920_nYoga im Studio gibt es überall – das hat sich auch Julia Ristow gedacht und bietet deshalb im Sommer Yogakurse an ganz besonderen Orten auf der Insel an. Ob auf dem Dach der WattWelten, der Rooftopbar vom NewWave Hotel, am Strand oder – wie in meinem Fall – auf der Wiese neben der Weststrandbar. Ich entscheide mich für einen Kurs am Morgen – und besser hätte ich wahrscheinlich kaum in den Tag starten können. Während uns die Sonnenstrahlen den Rücken wärmen, können wir von der Yogamatte aus das Meer sehen, die Möwen schreien hören und uns den Wind um die Nase wehen lassen. Vom Yoga-Kurs bei Julia war ich schon im Winter überzeugt – und das, obwohl er da noch im Studio stattfinden „musste“. Vor traumhafter Kulisse und an der frischen Luft ist es aber noch einmal ein ganz neues Erlebnis, das ich jedem nur ans Herz legen kann.



117162569_1349767855228987_9022143983787867243_nSeien wir ehrlich: So richtig auf einem Segelboot gesehen habe ich mich eigentlich nicht. Schließlich wurde mir selbst auf dem Segway schon ein wenig übel; schaukeln, Trampolin springen, das alles ist eher kritisch für mich und meinen Magen. Aber: Was ist schon so ein Inseljahr ohne jede Menge Wasser oder Boot unter den Füßen?

Sid Behrend von der Segelschule im Yachthafen machte mir das Angebot, dass ich einmal bei ihm „mitsegeln“ kann – was bedeutet, dass man so viel und wenig helfen darf, wie man eben will.
Ursprünglich war eine Abend-Sonnenuntergangs-Tour geplant, da aber viel Regen erwartet wurde, wurde der Segeltrip spontan auf den Morgen verschoben. Wasser von unten: gern, Wasser von oben: lieber nicht. 

Wir treffen uns an der Segelschule am Yachthafen und gehen nach kurzer 117156634_327739998632134_6349767245630859907_nEinweisung zusammen zum Steg – die Yacht „Sea Scoter“ liegt für die Vierergruppe plus Segellehrer bereit. Sid erklärt viel, von dem ich mir zumindest anfangs maximal die Hälfte merken kann; am Ende des Segeltörns habe ich dann aber doch einige Begriffe drauf. Ich darf die Yacht aus dem Hafenbecken steuern und bin angesichts dieser Verantwortung kurz überfordert. Kaum habe ich fünf Minuten lang mitgeholfen, lehne ich mich schon zurück und freue mich, dass zwei Teilnehmer dabei sind, die schon oft gesegelt sind und Ahnung und Lust mit an Bord gebracht haben. Fast bis zur Weissen Düne segeln wir – und während die anderen arbeiten, genieße ich die Aussicht, die frische Luft, Gespräche mit der Gruppe, die Weite des Meeres und die Möglichkeit, zwei Seehunde aus der Nähe beobachten zu können. Gefühlt sind wir kaum losgefahren, als es schon wieder zurückgeht; dafür zieht sich für mich der Rückweg etwas: Die Wendemanöver erinnern mich kurz daran, dass ich nicht wirklich für wacklige Untergründe und rasante Bewegungen gemacht bin. Spätestens beim Einlaufen in den Hafen bin ich aber wieder fit – und würde sofort wieder auf ein Boot steigen und die Ruhe auf dem Wasser genießen.

Neben den Segeltörns zum mitsegeln bietet die Segelschule auch Kurse und Prüfungen für Bootsführerscheine an.



117158021_769406700540635_6221736966719842329_nVolle vier Wochen Sport vor schönster Kulisse: Das ist noch bis zum 15. August bei Sport am Meer auf der Eventfläche am Januskopf möglich.  König Event Marketing organisiert in „normalen“ Jahren bekannte Events wie das White Sands Festival oder Summertime@Norderney. Da solche Großveranstaltungen in diesem Jahr ausfallen müssen, wurde spontan die Sportveranstaltungsreihe „Sport am Meer“ ins Leben gerufen. Die vier Wochen haben verschiedene Schwerpunkte: Yoga, YAB (Höhle der Löwen: Your Active Body), Jumping Fitness und Spinning.
Ich durfte bisher an zwei Sportkursen teilnehmen und bin begeistert: Sport in der Gruppe, der Blick aufs Meer und großartige Trainer und Trainerinnen machen aus dem Fitnessangebot eine runde Sache.


117118813_824751114725860_3959356858899464151_nÜber Liebesgeschichten oder Kriminalromane, die Norderney als Spielort haben, können sich Inselfans schon seit einer Weile freuen. Nun gibt es endlich auch ein Kinderbuch, das auf der Nordseeinsel spielt: Sandkörnchens spannender Tag auf Norderney. Oona Thim und Iris Antonia Paul haben das Buch geschrieben und gestaltet – mit wunderschönen Fotos, einer tollen Geschichte und kinderfreundlichen Erklärungen für alles, was sich Kinder im Inselurlaub vielleicht schon immer gefragt haben. Ein tolles Mitbringsel aus dem Urlaub!


Norderney scheint zum Schreiben zu verleiten: Vor ein paar Tagen traf ich mich mit der Autorin Barbara Wendelken auf Kaffee und Kuchen in der Kaffeegeniesserei. Zu Recherchezwecken für ihre neue Krimiserie verbrachte die Autorin einige Tage auf der Nordseeinsel – die bei strahlendem Sonnenschein gar nicht so sehr zu düsteren Mordfällen passen wollte. Barbara Wendelken dachte trotzdem eifrig über den perfekten Mord für ihr nächstes Buch nach – und stellte mir dazu einige Frage über die Insel. Ich bin gespannt, was die ostfriesische Autorin aus unserem Gespräch macht;  und wer weiß, vielleicht finde ich ja sogar einen Platz in der Geschichte.


Kreative Post

Heute erreichte mich eine E-Mail eines Zuschauers der Sendung Live nach 9, in der ich als Interviewpartner zugeschaltet war. Ein kreativer Zuschauer, wie sich herausstellte – der den Kampf zweier Möwen als Inspiration zu einem Gedicht nutzte:

Unverträglich

Auf einer Insel – bei Ebbe – am Nordseestrand
eine hungrige Möwe ein Krebstier fand.                                                                            

Sie bepickte mit dem Schnabel den Leckerbissen
und hat dem Krebs ein Bein ausgerissen!

Als eine andere Möwe dies Schauspiel sah,                                                                    
da kam sie auch dem Krebstier sehr nah.
So stritten sich beide stets ununterbrochen,                                                                      

– da hat der Krebs sich im Sande verkrochen.–   
                                                                  
Im Sand, den die Flut zuvor weich gespült,
hat sich der Krebs recht wohl gefühlt.                                                                           

„Fünf Beine“ dachte das kleine Krebstier,
„genügen, denn andre die haben nur vier.
Die stolze Möwe, diese feine,
die hat, wie man sieht wohl auch nur zwei Beine!“

Die beiden Möwen, die den Tatort verlassen,
konnten das Dilemma noch gar nicht recht fassen.
Wenn Zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte,
drum lernt was daraus und vertragt euch bitte.

Heinz Ludwig Wüst

Weitere Gedichte, Anekdoten und Geschichten: www.henry.dipago.de


Freizeitstress

Seit Wochen erreicht mich immer wieder die gleiche Frage aus meinem Bekanntenkreis, aber auch von Norderneyfans bei Instagram: Ist es aktuell nicht total langweilig auf der Insel?

99011002_626320308097145_3120696136029962240_n

Langeweile? Fehlanzeige, seit ich täglich Peppa um die Insel ziehe.

Dabei gab es in den vergangenen Wochen hier die gleichen Beschäftigungsmöglichkeiten wie an allen anderen Orten: Spaziergänge, Essen, Sport, Netflix, Haushalt. Ein klein bisschen aufregender dürfte es hier vielleicht sogar gewesen sein: Strandspaziergänge auf Norderney finde ich nach wie vor spannender als Feldwegspaziergänge daheim und: Wer 3x täglich Sand in die Wohnung trägt, hat auch entsprechend mehr im Haushalt zu tun.

Wenn ich auf mein Handy schaue, dann werden mir folgende Zahlen angezeigt: 247 und 118. Zweihundertsiebenundvierzig Tage bin ich schon auf der Insel, einhundertachtzehn habe ich nur noch vor mir – keine vier Monate mehr.
Auch wenn dieses Jahr alle Großveranstaltungen wie White Sands, Filmfestival, Summertime etc für mich ausfallen werden: Ich habe noch ziemlich viel vor und frage mich jetzt schon, wie ich das alles schaffen – und dann auch noch so etwas wie Zukunftsplanung betreiben soll. Wenn man eine gute Zeit hat und viel Schönes genießt, dann fällt es schwer, sich damit zu beschäftigen, welcher „richtige“ Job ab dem Herbst ausgeübt werden soll.

Bis ich die Insel verlasse stehen noch einige Besuche von Freunden und Familie an, außerdem will ich am liebsten Kitesurfen, Windsurfen und Wingfoilen lernen, einen der Ausflüge zu den Nachbarinseln machen, ich überlege, mir ein StandUp-Paddleboard zu kaufen und habe gerade wieder begonnen, Tennis zu spielen.  Ich will einmal bei Sonnenuntergang am Strand entlangreiten, eine Bootstour machen, endlich einmal auf den Leuchtturm gehen (der seit meiner Ankunft geschlossen ist), am liebsten auch einmal Norderney aus der Luft sehen und eigentlich stehen auch noch ziemlich viele Restaurants auf meiner „To-Eat-Liste“. Im September, also zu Beginn meines Inselbloggerjahres, dachte ich noch, dass ich alles, was es auf der Insel zu tun gibt im Nu abgehakt haben werde – und dann den Rest des Jahres wenig zu tun haben würde. Jetzt sehe ich etwas die Zeit davonrennen und merke: Die Möglichkeiten, sich seine Zeit auf Norderney zu vertreiben, sind mit Sicherheit nicht unbegrenzt – aber doch nicht direkt überschaubar.

98596247_240505323903014_2375610505214558208_n

Auch die Surfschule hat endlich wieder geöffnet!

Ich leide aktuell also etwas unter dem Luxusproblem Freizeitstress – und ganz nebenbei geht es es aktuell wieder ordentlich los auf der Insel. Straßen und Strände füllen sich, Restaurants und Cafés haben wieder geöffnet, es ist wieder Leben auf Norderney! Die immer wiederkehrende Frage kann ich also in jeglicher Hinsicht verneinen: Nein, langweilig ist es auf Norderney nicht.


Gefangen im Paradies

Ich habe mich verliebt. Liebe auf den ersten Blick war es keineswegs, eher ein langsames Aneinander-Herantasten, ein vorerst argwöhnisches, gegenseitiges Umkreisen. Ich weiß nicht, wie es um die Gefühlswelt einer Insel steht, aber ich für meinen Teil war anfangs eher skeptisch: Zu klein, zu wenig Anonymität, begrenzte Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung.
Und dann ist es passiert – so richtig gemerkt habe ich es, als ich Ende März von einem kurzen Urlaub bei meinen Eltern auf die Insel zurückkehrte. Ich setzte mich an Deck der Fähre und freute mich: Auf nach Norderney!

93412136_574630613404467_6235865319164870656_n

Ich weiß nicht, wann es passiert ist – vielleicht, als ich mir Peppa zulegte und mit dem neuen „Familienmitglied“ eine Art Nestbau begann. Vielleicht, als ich immer mehr Kontakte knüpfte und mittlerweile einige tolle Menschen meine Freunde nennen kann. Vielleicht, als endlich der Frühling begann, die Insel aufblühte und ich das erste Mal in kurzen Hosen nach draußen gehen konnte. Vielleicht passierte es aber auch, als Corona zum Thema wurde.

Denn seien wir ehrlich – es gibt wahrscheinlich kaum einen besseren Ort, um diese außergewöhnliche, herausfordernde Zeit zu erleben. Shoppen, ins Kino gehen, in Cafés sitzen, Konzerte besuchen – das alles ist auch an anderen Orten aktuell nicht möglich. Ausgedehnte Spaziergänge in Großstädten gestalten sich schwierig: Wenn jeder vor die Tür geht, sind die Straßen und Parks voll. Gingen alle Norderneyer vor die Tür – die Insel bliebe immer noch angenehm leer.

Ich glaube so wie mir geht es aktuell vielen Insulanern. Nachdem der anfängliche Schock über fehlende Gäste und somit ausbleibendes Geld verdaut war und alle merkten: Wir sitzen in einem Boot; meinem Nachbarn geht es genauso wie mir, begannen viele, die Insel und ihre Liebe zu Norderney neu zu entdecken. Die meisten Norderneyer haben schließlich nur während der Wintermonate Zeit, durchzuatmen und ein bisschen mehr Platz auf der Insel zu genießen. Die „Zwangspause“ hat viele vielleicht zunächst gelähmt, sorgt nun aber für neue Energie. Tagestrips zum Wrack am Ostende, für die sonst die Zeit fehlen würde, Golfen am Strand, wobei man normalerweise zahlreiche Urlauber verletzen würde, Sundowner im Strandkorb an der Promenade, wo zu Ostern eigentlich niemals ein Platz zu finden wäre.

93356041_567199594192522_608714938789134336_n

© Birgit Voigts

Während die Straßen und Strände auf der Insel in den ersten Tagen nach meiner Rückkehr menschenleer waren, haben spätestens die ersten Sonnenstrahlen die Norderneyer vor die Tür gelockt – und dafür gesorgt, dass allen bewusst wird, was für ein Privileg es ist, hier leben zu dürfen. Auch Enten, Hasen und das Damwild haben gemerkt, dass sich etwas verändert hat: Teilweise legen Entenfamilien den Verkehr lahm, da sie wegen des verringerten Verkehrsaufkommens kurzerhand beschließen, es sich auf der Straße gemütlich zu machen.
Etwas schade finde ich, dass auch momentan immer wieder Flaschen, Verpackungen, Hundehaufen oder Hundekotbeutel an den Stränden und in den Parks herumliegen. Tatsächlich hatte ich Vergehen dieser Art bisher stets auf die Urlauber geschoben und war davon ausgegangen, dass Insulanern die Sauberkeit ihrer Insel am Herzen liegt. Es tut mir also Leid, liebe Touristen, dass ich euch für die Allein-Schuldigen gehalten habe.

Natürlich ist aktuell nicht nur eitel Sonnenschein. Insbesondere Selbstständige, die sonst rund um die Uhr für ihr Geschäft im Einsatz sind, werden nebst finanziellen Sorgen vor allem auch von Langeweile geplagt. Einige konnten in den letzten Wochen bereits auf Lieferservices oder Online-Shops ausweichen; Hotels oder Bars beispielsweise bleibt aber kaum eine andere Möglichkeit, als einfach abzuwarten.
Für mich persönlich verändert sich wenig – ich kann zwar nicht mehr von Events berichten, aber mit viel Freizeit und arbeiten im Homeoffice war ich schon vorher vertraut – und auch vor Corona habe ich teilweise eine ganze Woche lang keine „anständige“ Hose getragen. Auch finanziell hat sich nichts geändert; wahrscheinlich habe ich sogar eher mehr denn weniger Geld zur Verfügung, nun, da ich mein Gehalt nicht mehr direkt in Restaurants und Cafés tragen kann.

93303534_1333057120219796_3885845513295101952_n

© Birgit Voigts

Auch in meinem Freundeskreis haben viele nun deutlich mehr Zeit als noch vor wenigen Wochen. Ein bisschen wurde also jedem eine Zuständigkeit zugeteilt: Eine Freundin fürs Zirkeltraining, eine Freundin für den Sprung ins Meer, eine Freundin für Spaziergänge mit Peppa, eine Freundin für Wein am Strand, eine Freundin für die gegenseitige Versorgung mit frisch gebackenem Kuchen, eine Freundin für gegenseitige Einladungen zum Abendessen.

Ich hoffe, dass es euch allen – den Umständen entsprechend – gut geht und dass euch Meer- und Fernweh noch nicht zu sehr plagt. Bleibt gesund –  und auch wenn es in meinem Text vielleicht so klingt, als wäre das Leben auf Norderney ohne Urlauber schöner: Wir alle freuen uns, wenn bald wieder mehr Leben auf der Insel ist und sich noch mehr Menschen an der Schönheit Norderneys erfreuen können!

Für die NWZ habe ich ebenfalls etwas über die aktuelle Situation auf Norderney geschrieben: Heute fährt die Fähre bis nach Alcatraz.


Januar

Der erste Monat, vor dem mich alle gewarnt hatten, ist so gut wie vorbei: Der Januar.
Noch schlimmer solle es nur im Februar werden, danach gehe es bergauf, so der Tenor.
Aber was soll ich sagen – ich mochte den Januar. Es hatten zwar ähnlich viele Restaurants geschlossen wie in den ersten Dezemberwochen, das machte mir jedoch nichts aus – den Warnungen zum Trotz war mir nämlich absolut nicht langweilig; und in meinen freien Stunden noch leere Strände und Cafés vorzufinden; das war sozusagen die Kirsche auf der Sahne.

IMG_20200101_175502_839Es mag wenig überraschend klingen: Mein Januar fing mit Silvester an.
Ich hatte fünf Freunde zu Besuch, wir kochten, spielten Boccia am Strand und „feierten“ ganz gemütlich rein. Das Feuerwerk sahen wir uns bei einem Mitternachtsspaziergang an, böllerten aber nicht selber. Uns eint die Meinung, dass gerade auf einer Insel, auf der das ganze Jahr über Naturschutz großgeschrieben wird, auch das Silvesterfeuerwerk verboten sein sollte.
Am Neujahrsmorgen gingen wir dann zum offiziellen Anbaden an den Weststrand – und wider Erwarten machten immerhin vier meiner Freunde mit und stürzten sich mit mir in die kalte Nordsee. Für den ersten Sprung ins kalte Wasser hatten die vier sich einen denkbar schlechten Tag ausgesucht: 3 Grad Lufttemperatur und dichter Nebel – da hatte ich in den letzten Monaten meist deutlich besseres Wetter. Der übriggebliebene Fünfte agierte dann als Taschenwart, hatte also zumindest eine ehrenwerte Aufgabe. Da die Insel über die Feiertage noch einmal so voll war, wie sie es sonst nur im Sommer ist, war auch beim Anbaden entsprechend viel los. Zu den hunderten Badenden gesellten sich tausende Schaulustige.


Mein Jahr hier auf Norderney soll zwar auch ein Jahr Auszeit sein, ich habe für mich aber gemerkt, dass ich die schönen Seiten der Insel, die Natur, das leckere Essen, das Meer und die Unternehmungen mit Freunden viel besser genießen kann, wenn ich sie nicht immer haben kann.
In den ersten Monaten hätte ich mich jeden Tag mehrmals aufs Rad schwingen und um die gesamte Insel fahren können. Die massig verfügbare Zeit nahm mir die Motivation, Dinge direkt zu tun – schließlich steht der Leuchtturm um 16 Uhr noch genauso wie um 12 Uhr, wieso also nicht noch warten?
Wirkliche Auszeit und dauerhaftes Nichtstun sind also nichts für mich – auch gut, wenn man das in seinem Jahr Auszeit merkt – weshalb ich mir einen Nebenjob in der Gastronomie suchte. So bin ich nun zumindest ein paar Stunden in der Woche noch beschäftigt und verdiene mir Geld für den Sommer dazu, wenn mich der Inselbloggerjob wieder mehr fordert und zahlreiche Events anstehen. Das Schöne ist, dass ich eben nicht gezwungen bin, Geld zu verdienen. Ich käme auch so gut über die Runden – und könnte jederzeit zurück zur richtigen Auszeit kehren.


83082409_2731750523605699_4972634249644474368_nAm nächsten kam ich dem Begriff Auszeit vergangene Woche in einer Yoga-Stunde in der Praxis für Gesundheitscoaching von Julia Ristow. In den Praxisräumen in der Bismarckstraße fühle ich mich direkt willkommen, während ich meine Schuhe ausziehe und in den Yogaraum gehe. Die Räume sind gemütlich gestaltet, mit vielen Bildern an den Wänden und warmen Farben. Einige Matten sind schon belegt, am Ende sind wir etwa zehn Teilnehmer. Es läuft leise Musik, Kerzen brennen, es herrscht eine gemütliche Stimmung.
Die Yoga-Kurse gibt es in verschiedenen Schwierigkeits-Leveln, Julia bietet als studierte Ernährungswissenschaftlerin aber auch Ernährungsberatung und Bewegungstherapie an, um ein gesamtheitliches Konzept zu schaffen. Im Sommer werden noch mehr Kurse angeboten, die dann auch draußen stattfinden. Yoga am Strand? Klingt nach einer perfekten Kombination, finde ich.
Julia Ristow verspricht auf ihrer Website, dass jeder Yoga machen kann – egal ob jung oder alt, körperlich fit oder eingeschränkt. Das Gefühl habe ich zunächst nicht. Jedes Mal, wenn ich es mit Yoga probiere, verfluche ich erst meine Ungelenkigkeit und meine Unfähigkeit, mich auf eine tiefe Atmung zu konzentrieren, um mir dann vorzunehmen, ab sofort wirklich daran zu arbeiten. Ich lerne dieses Mal aber auch, dass es beim Yoga darum geht, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren, dass es keinen Leistungsdruck und Wettkampfgedanken gibt, wie es sonst bei Sport meist der Fall ist.
Zurück in den Raum: Es geht los, Neulinge und Yoga-Kenner sitzen verteilt auf den Matten im Raum, Julia führt von einer Matte in der Mitte des Raumes durch die Yoga-Stunde. Mit einer wirklich angenehmen Stimme gibt Julia Anweisungen – macht aber selber auch mit. Gut für Yoga-Anfänger wie mich, die dann immer nochmal gucken können, wie genau die Übung nun aussehen soll. Bei anspruchsvolleren Übungen geht Julia durch die Reihen und korrigiert die Haltung leicht – auf jeden Kursteilnehmer wird einzeln eingegangen.  Obwohl die Yoga-Einheit kein schweißtreibender Sport war, machen sich am Ende doch meine Muskeln bemerkbar; nach der gemeinsamen, abschließenden Entspannung fühle ich mich jedoch wieder erholt und ausgeglichen.
Die Yoga-Einheiten bei Julia kann ich nur empfehlen – ob zum Ausspannen nach einem stressigen Tag oder für einen gelungenen Start in den Morgen.


Ende Januar ging es für mich für drei Tage von der Insel: Ich war als Speakerin zur BOOT, der weltgrößten Wassersportmesse, eingeladen, um von meinem Leben als Inselbloggerin zu erzählen. Ich nutzte die freie Zeit in Düsseldorf dazu, alte Freunde zu treffen und hatte zwei wirklich schöne Abende dort. Samstag war ich fast den gesamten Tag auf der Messe- zweimal sollte ich etwa eine halbe Stunde von meinem Inselalltag erzählen, den Rest des Tages verbrachte ich damit, mir einen Eindruck von der gigantischen Messe zu verschaffen. Zwischen Luxusyachten und Segelbooten, die größer als die eigene Wohnung sind, kann man sich schon arm vorkommen.  Während die Luxus-Hallen der Messe nicht ganz meine Welt waren, hat die Surfsport-Halle noch mehr Lust auf Wellenreiten, Kitesurfen und Windsurfen gemacht und meine Vorfreude auf den Surfsaison-Start auf Norderney verfößert.
Mein Vortrag war sehr entspannt; ich hatte eine Präsentation mit Fotos von meiner Arbeit und der Insel vorbereitet, der Rest ergab sich im lockeren Gespräch mit dem Moderator.


83942128_526435704896433_2566190307355918336_nLast but not least habe ich im Januar die bisher beste Entscheidung meines Lebens getroffen: Seit Ewigkeiten will ich einen eigenen Hund besitzen, nun habe ich endlich einen, eine 1,5 Jahre alte Husky-Collie-Labrador-Dame. Viel Verantwortung, viel Geld, viel Zeit – aber schon nach drei Tagen Hundemama-Dasein weiß ich: Das ist es wert!  Wir beide sind schon jetzt ein echtes Team, waren zusammen in der kalten Nordsee und, was ich nicht gedacht hätte: Ich entdecke nach vier Monaten Inselleben immer noch neue Wege, seit wir zu zweit unterwegs sind. In den nächsten Blogeinträgen werdet ihr also um Berichte vom Leben mit Hund nicht herumkommen!


Fasten-Fazit

Der Fasten-Monat ist zwar noch nicht ganz um, aber ein Fazit kann ich dennoch  ziehen, denn: Ich habe bereits mit meinem Vorsatz gebrochen.
Ab dem 16. November wollte ich einen Monat lang auf Fleisch, Alkohol und meinem Story-Post bei Instagram zufolge auch auf Crystal Meth verzichten. Darauf folgten derart viele schockierte, aufgebrachte Reaktionen, dass ich an dieser Stelle gerne noch einmal sage: Das war ein Witz. Ich habe den Meth-Konsum bis dato nicht für mich entdeckt.

IMG_20191013_190509

Bier & Bratwurst: beides einen Monat lang tabu.

Vor allem zuhause war das Fasten kein Problem: Ich trinke nicht (mehr) allein daheim und Fleisch esse ich ohnehin fast nur auswärts.
Als Mensch, der sich im Restaurant häufig mit Entscheidungen schwertut, war der Monat geradezu eine Wohltat. Dreiviertel aller Gerichte auf der Karte fielen für mich in der Regel weg, auch die Auswahl der Getränke fiel deutlich leichter, nun, da ich die Bier-, Wein-, Cocktail-, und Spirituosenseiten einfach überblättern konnte.
Ich bin zwar sowohl in den Restaurants als auch in den Supermärkten Norderneys immer fündig geworden, muss aber sagen, dass es hier vergleichsweise doch recht wenige vegetarische Alternativen in den Menüs und Supermarktregalen gibt. Vegeteratisch oder vegan wird ein Gericht hier häufig einfach durch das Weglassen der Fleischkomponente denn durch einen ansprechenden Ersatz.
Erschwert wurde der Verzicht auf Fleisch und Alkohol vor allem bei großen Veranstaltungen. Ein Fest auf dem Kurplatz? Gulaschkanone! Ein kleiner Weihnachtsmarkt um die Ecke? Bratwurst und Glühwein!

Auf Alkohol zu verzichten war für mich kein Problem – wenn ich Lust auf Bier hatte, wurde eben alkoholfreies Bier bestellt und beim allabendlichen lebendigen Adventskalender schmeckte mir Kinderpunsch ohnehin besser als Glühwein. Erst durch den Komplett-Verzicht ist mir aufgefallen, zu wie vielen Gelegenheiten ich sonst zumindest ein Glas Wein oder Bier trinken würde – und bei wie vielen Veranstaltungen ein gewisser Konsum geradezu erwartet wird.

80034008_434821110529734_3158700012414697472_n

Ups.

Nun zu meinen Fasten-Brüchen:
In Sachen Fleisch habe ich gleich zweimal gegen mein eigens auferlegtes Verbot verstoßen. Einmal war ich bei einer Freundin zum Essen eingeladen –  und es gab Spaghetti Bolognese. Ich weiß nicht, wie zuträglich es für ein freundschaftliches Verhältnis gewesen wäre, wenn ich sie zurück an den Herd geschickt hätte.. also „sündigte“ ich schon an Tag 5.
Auch mein zweiter Verstoß war nicht so richtig selbst verschuldet: Ich bestellte zwar extra einen Eintopf ohne Wurst – das bewirkte aber leider kein Verschwinden der Schinkenwürfel darin. Keine Ahnung, ob das als halb-vegetarisch-weil-gut-gemeint zählt; ich denke aber nicht.
In Sachen Alkohol habe ich länger durchgehalten, aber am 10.12 war ich dann doch zu sehr Guter-Kumpel, als dass ich meine Freundin in Wilhelmshaven allein hätte trinken lassen. Da gabs dann auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein mit Amaretto – und ich hatte direkt die Lampen an.

Mein Fazit: Es ist definitiv möglich, auf beides zu verzichten – und theoretisch ist es auch gar nicht so schwer. Praktisch bin ich aber einfach super schlecht daran, mich an Komplett-Verbote zu halten. Sowohl bei Alkohol als auch bei Fleisch ist ein bewusster und geringer Konsum in vielerlei Hinsicht einfach sinnvoll – und das werde ich auch in Zukunft anstreben, ohne daraus wieder ein „Projekt“ zu machen.

Nachdem ich vorgestern ein Video über die Zustände in Massentierhaltungs-Betrieben gesehen habe, ist mir vorerst ohnehin der Appetit auf Fleisch vergangen, von dem ich nicht weiß, woher es kommt; oder von dem ich eben weiß, dass es aus Massentierhaltung stammt. Und auch, wenn es einige nerven und sich viele der Salami auf dem Butterbrot beraubt fühlen dürften: Wenn eine Packung Hack 4€ oder eine Packung Wurst 1,50€ kostet – dann hat das Tier, das da in Teilen drin liegt, definitiv kein ansatzweise mit Ethik zu vereinbarendes Leben und wahrscheinlich nicht einmal einen vertretbaren Tod erfahren dürfen. Einfach nicht kaufen – Brot schmeckt auch mit Hummus 😉


herbstende

Ende November – und ich bin immer noch voll im Herbstmodus und gedanklich eher im Laub als auf Weihnachtsmärkten unterwegs.  Angesichts der vielen Fotos von Glühweinbuden und Crêpes-Ständen, die mich von Freunden erreichen, muss ich aber wohl oder übel einsehen, dass es steil auf den Winter zugeht – und zwischen heute und Weihnachten nur noch 28 Tage liegen.

78292053_439537196633435_4739750054724632576_n

Auch auf Norderney gibt es einen Weihnachtsmarkt – allerdings erst ab dem 27. Dezember

Der Himmel scheint seine Farbe für die Herbst-Winter-Saison auf jeden Fall schon gefunden zu haben: Grau. Den Unterschied zwischen Morgen und Mittag, Mittag und Abend erkennt man häufig nur daran, dass dunkles Grau zu hellem Grau und helles Grau wieder zu dunklem Grau wird.
Ich weiß, dass sich über Schönheit streiten lässt – und Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt – aber so ganz rational gesehen, hat ein vollkommen grauer Tag einfach wenig Schönes an sich hat. Und dennoch: Wenn ich nicht gerade im Bett liege, aus dem Fenster starre und mich frage, ob es irgendeinen nennenswerten Grund gibt, heute noch das Haus zu verlassen – also wenn ich draußen bin, ob am Strand, in den Dünen oder auf irgendeiner Straße, die mitten durch all das Grau-in-Grau führt – dann haben auch diese rational-hässlichen Novembertage was für sich. Alles scheint wie in Watte gepackt, jedes Geräusch wirkt gedämpft; fast vom Nebel verschluckt und Menschen scheinen nur noch in den Cafés mit Kerzenlicht und Kamin vor einer heißen Tasse Tee zu existieren.
Norderney im November-Grau: Unendlich friedlich – und gleichzeitig verstehe ich, wieso es trotz der verschwindend geringen Mordfälle so viele Ostfriesen- und Inselkrimis gibt. Die stumme, triste Landschaft und der alles-vertuschende Nebel liefern die perfekte Kulisse für ein Verbrechen.

78503420_580183252745032_4806311168660471808_n

Leere Straßen, grauer Himmel: Norderney im November.

Vielleicht passiert hier trotz perfekter Krimi-Szenerie kaum etwas Schlimmes, weil jeder auf der Insel direkt Bescheid wüsste. Denn: Anonymität ist hier ein Fremdwort.
Jetzt, da die Urlauberzahlen deutlich abgenommen haben, erkenne auch ich als Neuling langsam aber sicher, wer zur Insel „gehört“ und wer nicht. In Restaurants spiele ich mittlerweile in Gedanken das Spiel „Wer ist Touri, wer Insulaner“ durch. Die Ur-Insulaner brauchen solche Spiele natürlich nicht mehr. Sie wissen, wer auf der Insel lebt (und wie lange schon), womit die Person ihr Geld verdient (und wie viel davon) und gefühlt sogar, was es gestern zum Mittagessen gab und welches Fernsehprogramm lief. Ganz so extrem ist es natürlich nicht – und doch spielt Klatsch und Tratsch hier – ganz ähnlich wie in meinem Heimatdorf – eine wichtige Rolle. Ich habe mir vorgenommen, einen Monat lang weder Alkohol noch Fleisch zu konsumieren und fürchte, dass ich angesichts meiner Malzbier- und Wasserbestellungen ganz bald Geschenke zur bevorstehenden Geburt meines Gerüchteküche-Babys erhalten werde. Privates und Berufliches trennen – das ist hier kaum möglich:  Den Kollegen begegnet man im Wartezimmer beim Arzt, dem Arzt abends beim Sport, dem Sportkursteilnehmer in der Sauna und der, der den Aufguss in der Sauna macht, wohnt zufällig im gleichen Haus.

74375387_1354919744665885_7821253076580302848_n

Besser, man sucht sich vor dem Winter Freunde: Wenn es draußen eklig wird, spielt sich das Leben drinnen ab.

Die fehlende Anonymität hier ist nicht generell schlecht oder gut – sie ist in manchen Momenten einfach praktischer als in anderen. Vollkommen betrunken durch die Straßen wanken: In Köln auf jeden Fall weniger peinlich, wenn niemand einen kennt – nicht einmal der eigene Nachbar.  Noch betrunkener durch die Straßen wanken und nicht mehr wissen, wie man nach Hause kommt: Auf Norderney praktisch; jeder weiß, wo der andere wohnt. Oder wenn es eben um gegenseitige Hilfe geht, um das Ausleihen von zB einer Bohrmaschine – erstens weiß man, wer eine Bohrmaschine haben könnte, zweitens weiß die andere Person sicher, dass sie diese wieder zurückbekommt – schließlich will keiner, dass jeder auf der Insel über die eigene Unzuverlässigkeit Bescheid weiß.

Schon, dass man den gleichen Wohnort gemein hat, schafft auf Norderney ein Zusammengehörigkeitsgefühl – man teilt die Abgeschiedenheit, die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und steuert die gleichen Supermärkte und Restaurants an. Dadurch, dass man sich ständig wieder über den Weg läuft, „kennt“ man sich viel eher als in der Stadt. Es wird seine Gründe haben, dass es nur das Wort Dorfgemeinschaft, nicht aber das Wort Stadtgemeinschaft gibt. Gelebtes Gemeinschaftsgefühl beispielsweise gibt es in Großstädten gefühlt nur zu besonderen Anlässen, in Köln an Karneval und bei Fußballspielen.

Bisher habe ich die fehlende Anonymität auf Norderney vor allem positiv erfahren: Freundschaften, Bekanntschaften und zig Hilfsangebote beim Umzug.  Der wohl beste Nebeneffekt, wenn jeder jeden kennt: Bei ebay kleinanzeigen gehen Käufer und Verkäufer besser miteinander um. Die klassischen ebay-Phrasen „Letzte Preis??“, „Noch da?“ und „Mach billiger“ werden durch vollständige, freundliche Sätze ausgetauscht.


es ist kompliziert.

Was vielfach als Beschreibung einer semioptimalen Beziehung herhalten muss, fasst auch in vielerlei Hinsicht das Leben auf einer Insel in Worte; das Leben auf Norderney.

Die Kompliziertheit des Insulanerdaseins, sie fängt für die Norderneyer schon mit der Geburt an: Es gibt keine Geburtenstation auf Norderney. Ich persönlich schätze meinen Gemütszustand kurz vor der Geburt so ein, dass eine Fährfahrt das Letzte sein dürfte, auf das ich Lust hätte. Aber – wat mutt, dat mutt – und so haben Norderneyer Familien wahrscheinlich mehr spannende Geburtsgeschichten zu erzählen, als die meisten Festlandfamilien.
Immerhin: Seit Januar gibt es auf Norderney mit Julia Gotschlich wieder eine Hebamme, die Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse gibt und werdenden Eltern bei Fragen oder Problemen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Kompliziert geht’s weiter: Schiel-Probleme, schlechte Sehkraft; bunte Pflaster oder Brillen bekommt nur, wer vorab auf die Fähre steigt. An sich ist die Ärzteversorgung auf Norderney zwar vergleichsweise gut, Augenärzte z.B. gibt es aber nur auf der anderen Seite des Wassers.

Auch für den Führerschein müssen Insulaner erst aufs Boot. Klingt zwar zunächst umständlich und nervig, letztlich würde ich aber auch niemandem im Straßenverkehr begegnen wollen, der mit Abschluss der Fahrprüfung als Höchstgeschwindigkeit 50 km/h verzeichnen kann, noch nie an einer Ampel gestanden und lediglich drei verschiedene Straßen befahren hat.
Die Lernerei an sich scheint mit viel Fahrerei verbunden zu sein: Wer einen höheren Schulabschluss anstrebt, muss die Insel verlassen – nach der 10. Klasse ist auf Norderney Schluss, danach geht es entweder pendelnderweise aufs Gymnasium oder direkt aufs Internat. Wenn ich überlege, wie früh aufgestanden werden muss, um pünktlich zur ersten Stunde auf dem Festland zu sein – ich würde nicht hingehen.

Weiter geht’s mit Sport: Wer auf Norderney beispielsweise in einer Fußballmannschaft spielt, kann für ein Auswärtsspiel natürlich nicht nur bis ans andere Ende der Insel fahren und dort auf den Gegner treffen. Auch hier steht jedes Mal erst eine Fährfahrt an, ein Spieltag kann also gerne mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen.
Auch Sportbegeisterten, die auf Langstrecke trainieren, legt das Inselleben Steine in den Weg. Eine 180 km lange Radstrecke beispielsweise wird nun einmal nicht zwingend spannender, wenn man alle 10 Kilometer umkehren muss und immer wieder das Gleiche sieht. Immerhin bietet die Insel ausreichend Wind, was einen zusätzlichen Trainingseffekt verspricht.

Die Pubertät samt Folge-Teenagerjahren stelle ich mir am schwierigsten vor: Du willst Mädels kennenlernen, kennst sie aber schon alle – immerhin wart ihr schon gemeinsam in der Krabbelgruppe. Auch Tinder dürfte nicht die größte Hilfe sein – sobald der Radius auf über 10 km gestellt und ein potentieller Partner gefunden wird, muss ständig die Fahrt mit der Fähre bezahlt werden. Umgekehrt müsste der Festland-Partner hier sogar immer noch für die Kurtaxe aufkommen: Eine Beziehung, die an die Substanz, ins Geld geht. Für die meisten Insel-Jugendlichen dürfte deshalb gelten: Auf den Sommer warten, wenn zahlreiche feierwütige Inselgäste und Saisonarbeiter auf die Insel strömen. „Fährenweise Frischfleisch“ empfinde ich als schönen Titel für dieses Sommer-Phänomen. Auch der Disko-Besuch gestaltet sich schwierig, wenn alle Locations, in denen die eigenen Eltern oder Menschen aus der Generation der Eltern feiern gehen, ausgeklammert werden.

Was ich oft vergesse: Es müssen nicht nur alle Touristen irgendwie hier auf die Insel kommen, sondern eben einfach alles, was man für den täglichen (oder lebenslänglichen) Gebrauch benötigt. Außer Meer und Sand ist auf einer Insel nicht viel vorhanden. Alles, was in den Regalen steht, im Restaurant serviert wird, alle Möbel, Geschirre, Tiere – was auch immer: Es muss erstmal auf ein Schiff und rübergefahren werden.

Touristen, Zugezogene und mich tangieren diese Probleme natürlich kaum. Das Einzige, was mir hier das Leben schwer macht? Der Sand. Ich kann saugen und fegen, so viel ich will; irgendwo in der Wohnung liegt immer Sand.

Auch wenn das Leben auf einer Insel oft etwas komplizierter ist: Mit dem Strand, der Nordsee und den Wellen direkt vor der Haustür dürfte sich jeder Insulaner oder Zugezogener sagen: Das ist es wert.

IMG_20191005_141545


„Hallo und Tschüss“

Ganz so schnell war das Gespräch mit Windsurflegende Bernd Flessner zum Glück nicht vorbei. Aber bei Tee, Kaffee und Erbsensuppe auf der Terrasse vom Surfcafé erzählt Bernd mir, dass das Leben als Profisportler von Abschieden geprägt ist; man häufig schon wieder aufbricht, obwohl man gerade erst angekommen ist – und wieso er immer wieder in seine Heimat, nach Norderney, zurückkehrt.

Wasser, Wind und Wellen – Windsurfen steht wie kaum eine andere Sportart für Freiheit und den Kampf mit den Naturgewalten.
1976, mit gerade mal 7 Jahren, hat Bernd das erste Mal auf dem Board gestanden – von diesem Moment an hat ihn der Extremsport gepackt: 1990 der erste World Cup Sieg,  von 1995 bis 2011 ist er durchgehend Deutscher Meister in der Gesamtwertung, er wird dreimal Weltmeister, surfte in 4 Stunden von Norderney bis Sylt, war 12 Jahre unter den Top Ten der PBA– und der PWA-Weltrangliste und ist zusammengerechnet mit Sicherheit mehrmals um die Welt gesurft: Bernd Flessner, gebürtiger Norderneyer, ist nach wie vor der erfolgreichste deutsche Windsurfer.

Erst 1967 glitt der erste Windsurfer in den USA übers Wasser, in Deutschland sogar erst 1972 – damit gehört Bernd zur ersten Generation der Windsurfer und erlebte die goldenen Jahre des Sports. Ein absolutes Hoch hatte das Windsurfen in den 90ern – im Vergleich zu heute gab es bei Wettkämpfen mehr und bessere Konkurrenz. Auch deshalb, weil die Sportler sich dank vieler Sponsoren einzig und allein auf den Sport konzentrieren konnten. Konnten damals noch etwa 40 Surfer vom Sport leben, finanzieren sich heute gerade mal 7-8 Sportler nur durchs Surfen.

Erbsensuppe (2)

Essen für Weltmeister – Erbsensuppe im Surfcafé

Die schönsten Orte der Welt, die weitesten Strände, großartige Partys, schöne Frauen: Viele Klischees, die dem Surfsport anhaften, sind wahr. Bernd ist dankbar für die Erlebnisse, Reisen und Chancen, die ihm der Sport geboten hat; er sagt aber auch, dass ihm die Profikarriere viel abverlangte, viel Kraft gekostet hat. Täglich mehrfach trainieren, Reisen selber planen, Gepäcktransporte von bis zu 450 kg rund um die Welt organisieren: Bernd ist der Meinung, dass jeder Profisportler die Frage, ob die Karriere genau so nochmals angestrebt werden würde, verneinen würde. Dafür fließe zu viel Investition, Verzicht und Anstrengung in den Sport, zu viel anderes im Leben würde vernachlässigt werden. Dass die eigenen Ansprüche, aber auch die Erwartungshaltung von außen, mental müde machen, merke man oft erst am Ende einer Karriere, wenn man nicht mehr nur besessen ist von dem Gedanken, wieder aufs Wasser zu kommen.

Im Herbst 2013 beendete Bernd seine Karriere nach 25 Jahren als Profi; auf dem Brett steht er aber nach wie vor; mittlerweile seit 43 Jahren. Jetzt genießt er es, völlig ohne Druck aufs Wasser zu gehen; hat wieder Spaß an dem Sport gefunden. Während Windsurfen früher Passion, Besessenheit und Lebenseinstellung für Bernd war, er unentwegt Wind- und Wasserbedingungen checkte und fehlender Wind für schlechte Stimmung sorgte, geht er jetzt auch bei perfekten Bedingungen mal nicht aufs Wasser; er hat als Markenbotschafter aber auch ohnehin zu viel um die Ohren, als dass er jede gute Welle mitnehmen könnte.

Obwohl Bernd schon weltweit gesurft ist, gehören neben Kapstadt und dem Silver Sands Beach auf Barbados der Januskopf und die Weisse Düne zu seinen Lieblingssurfspots. Und während viele seine Kollegen mittlerweile nach Hawaii oder Kapstadt gezogen sind, kommt „Flessi“ immer wieder zurück nach Norderney. Auch hier ist er – wie an allen anderen Orten – selten länger als zwei Wochen am Stück. Die einzig lange zusammenhängende Zeit im Jahr, die er an einem Ort verbringt, sind 6 Wochen im Sommer auf Kos, in denen er als Windsurflehrer Kurse bei ROBINSON gibt.

Die Winter auf Norderney findet Bernd hart. Kälte, Wind und Nässe seien nicht das Problem; sondern die anhaltende Dunkelheit. 25 Jahre lang ist er deshalb der kalten Jahreszeit entflohen und überwinterte in Kapstadt. Trotzdem zog es ihn immer wieder nach Norderney zurück. Wieso genau, das kann er gar nicht so genau sagen. Wie es so oft mit der eigenen Heimat ist, betrachtet er vieles auf der Insel kritisch, findet Norderney häufig zu klein, zu unbelebt, zu eng. Aber er weiß auch, dass die Natur, das Meer, der Strand, dass das alles wunderschön ist. Und letztlich ist es eben Heimat, sein Zuhause. Da kehrt man einfach immer wieder hin zurück und denkt gar nicht so sehr über das ‚Warum‘ nach.


„Bekanntmachung!“

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerFußgängerzone Norderney: Der Klang einer Glocke hallt durch die Straßen, von weitem sieht man erst den royalblauen Umhang, dann die rote Mütze mit dem Aufdruck „Ausrufer“, geziert von unzähligen Ansteckern aus aller Welt, das blau-weiß-gestreifte Fischerhemd und schließlich das wohl meistfotografierte Gesicht Norderneys – jeder, der einmal nach Norderney kommt, lernt ihn kennen: Bernd Krüger, den Ausrufer der Nordseeinsel.

Während ich in menschenleerer Natur glücklich und zufrieden bin, empfinde ich Fußgängerzonen und Städte als äußerst geeignete Orte für etwas Miesepetrigkeit und passive Aggressivität.
Damit habe ich mich für den Beruf des Ausrufers bereits disqualifiziert – zumindest geht Bernd seiner Tätigkeit in den Straßen Norderneys voller Begeisterung nach und hat für jeden Passanten ein offenes Ohr, ein Lächeln, freundliche Worte und für die Kleinen meist eine Tüte Gummibärchen.

Der Beruf des Ausrufers hat eine lange Tradition – und eigentlich gibt es ihn heute kaum noch. Früher verkündeten Ausrufer in jeder Stadt an festgelegten Punkten wichtige Bekanntmachungen – und die Einwohner versammelten sich dazu. Mit der Zunahme an Informationsquellen, Zeitung, Radio und Social Media, ging die Zahl der Ausrufer stetig zurück: Wer geht schon noch zu einer festen Zeit in die Stadt, um Dinge zu erfahren, wenn die Zeitung ganz bequem vom Sofa aus gelesen werden kann?

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerNorderney – allen voran Kurdirektor Loth – wollte zurück zu dieser Tradition – und deshalb gibt es mit Bernd seit 2008 wieder einen Ausrufer auf der Insel, der Stadtführungen macht, Gästen Rede und Antwort steht und Norderney auch auf Messen vertritt. Auch andere Orte halten an der Tradition des Ausrufers fest – die Deutsche Ausrufergilde trifft sich einmal jährlich und veranstaltet alle drei Jahre die Deutsche Ausrufermeisterschaft.

Auch wenn Bernd Krüger Norderney wie seine Westentasche kennt: Ur-Norderneyer bzw. Insulaner ist er nicht. Dennoch zog es den gebürtigen Hamelner schon als Kind immer wieder nach Norderney – nicht für einen entspannten Urlaub, sondern zur Kur.  1964, mit 15 Jahren, zog Bernd dann auf die Nordseeinsel, begann eine kaufmännische Lehre und arbeitete bis 2008 im Bürgeramt. Als ihm bei Renteneintritt der Ausrufer-Job angeboten wurde, musste Bernd keine Sekunde überlegen – er sagte direkt zu.

Ausrufer Bernd Krüger, Norderney, InselbloggerSeit elf Jahren ist Bernd jetzt als Ausrufer auf Norderney unterwegs, jeweils von Ostern bis zum Ende der Herbstferien – und er liebt seinen Job, die Begegnungen mit Reisenden und die vielen interessanten Gespräche.
Doch auch während der freien Wintermonate wird Bernd nicht langweilig: Erst muss sein Garten winterfest gemacht und die über 80 Gartenzwerge ins Warme gebracht werden und dann stehen nicht nur Urlaube, sondern auch zahlreiche Termine als Nikolaus und Weihnachtsmann auf dem Plan.
Zwei Urlaubsziele haben sich bei Bernd bewährt: das portugiesische Blumen- und Wanderparadies Madeira und Mittenwald in Oberbayern. Vielleicht, weil diese Orte das mitbringen, was Bernd auf Norderney hin und wieder vermisst: Wald und Berge, wie in seiner Heimat, dem Weserbergland.

Sein ganz persönliches Blumenparadies hat Bernd im eigenen Kleingarten geschaffen, der für Bernd vieles ist: Lieblingsplatz auf der Insel, Ruhepol und Ort, an dem er Freunde und Stammgäste, die zu Freunden geworden sind, empfängt. Heute zum Beispiel kommt ihn noch Familie Strunk aus Olfen im Kleingarten besuchen. Auch die Familien Metzger & Hesse aus Hameln oder Niese aus Bielefeld sind während ihrer Besuche gern bei ihm zu Gast.

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerBernd liebt das Leben auf Norderney: „Manchmal gehe ich ins Bett und frage mich: ‚War der Tag jetzt Traum oder Realität?‘, so ist Norderney für mich“. Fremd hat Bernd sich auf der Insel nie gefühlt, er wurde von Beginn an herzlich aufgenommen und hat schnell den „Zugezogenen“-Status abgelegt. Und auch der Winter macht ihm nichts aus: Zwar mag Bernd den Sommer lieber, er freut sich aber immer besonders auf eins in der kalten Jahreszeit: Grünkohl.

Am Ende unseres Gesprächs gibt es eine Einladung zum Kaffee im Kleingarten und eine Autogrammkarte für mich. Und tatsächlich kommen auch einige andere Urlauber vorbei, die Fotos von ihm machen oder Autogramme haben wollen – Ein echter Promi, hier auf Norderney.