Januar

Der erste Monat, vor dem mich alle gewarnt hatten, ist so gut wie vorbei: Der Januar.
Noch schlimmer solle es nur im Februar werden, danach gehe es bergauf, so der Tenor.
Aber was soll ich sagen – ich mochte den Januar. Es hatten zwar ähnlich viele Restaurants geschlossen wie in den ersten Dezemberwochen, das machte mir jedoch nichts aus – den Warnungen zum Trotz war mir nämlich absolut nicht langweilig; und in meinen freien Stunden noch leere Strände und Cafés vorzufinden; das war sozusagen die Kirsche auf der Sahne.

IMG_20200101_175502_839Es mag wenig überraschend klingen: Mein Januar fing mit Silvester an.
Ich hatte fünf Freunde zu Besuch, wir kochten, spielten Boccia am Strand und „feierten“ ganz gemütlich rein. Das Feuerwerk sahen wir uns bei einem Mitternachtsspaziergang an, böllerten aber nicht selber. Uns eint die Meinung, dass gerade auf einer Insel, auf der das ganze Jahr über Naturschutz großgeschrieben wird, auch das Silvesterfeuerwerk verboten sein sollte.
Am Neujahrsmorgen gingen wir dann zum offiziellen Anbaden an den Weststrand – und wider Erwarten machten immerhin vier meiner Freunde mit und stürzten sich mit mir in die kalte Nordsee. Für den ersten Sprung ins kalte Wasser hatten die vier sich einen denkbar schlechten Tag ausgesucht: 3 Grad Lufttemperatur und dichter Nebel – da hatte ich in den letzten Monaten meist deutlich besseres Wetter. Der übriggebliebene Fünfte agierte dann als Taschenwart, hatte also zumindest eine ehrenwerte Aufgabe. Da die Insel über die Feiertage noch einmal so voll war, wie sie es sonst nur im Sommer ist, war auch beim Anbaden entsprechend viel los. Zu den hunderten Badenden gesellten sich tausende Schaulustige.


Mein Jahr hier auf Norderney soll zwar auch ein Jahr Auszeit sein, ich habe für mich aber gemerkt, dass ich die schönen Seiten der Insel, die Natur, das leckere Essen, das Meer und die Unternehmungen mit Freunden viel besser genießen kann, wenn ich sie nicht immer haben kann.
In den ersten Monaten hätte ich mich jeden Tag mehrmals aufs Rad schwingen und um die gesamte Insel fahren können. Die massig verfügbare Zeit nahm mir die Motivation, Dinge direkt zu tun – schließlich steht der Leuchtturm um 16 Uhr noch genauso wie um 12 Uhr, wieso also nicht noch warten?
Wirkliche Auszeit und dauerhaftes Nichtstun sind also nichts für mich – auch gut, wenn man das in seinem Jahr Auszeit merkt – weshalb ich mir einen Nebenjob in der Gastronomie suchte. So bin ich nun zumindest ein paar Stunden in der Woche noch beschäftigt und verdiene mir Geld für den Sommer dazu, wenn mich der Inselbloggerjob wieder mehr fordert und zahlreiche Events anstehen. Das Schöne ist, dass ich eben nicht gezwungen bin, Geld zu verdienen. Ich käme auch so gut über die Runden – und könnte jederzeit zurück zur richtigen Auszeit kehren.


83082409_2731750523605699_4972634249644474368_nAm nächsten kam ich dem Begriff Auszeit vergangene Woche in einer Yoga-Stunde in der Praxis für Gesundheitscoaching von Julia Ristow. In den Praxisräumen in der Bismarckstraße fühle ich mich direkt willkommen, während ich meine Schuhe ausziehe und in den Yogaraum gehe. Die Räume sind gemütlich gestaltet, mit vielen Bildern an den Wänden und warmen Farben. Einige Matten sind schon belegt, am Ende sind wir etwa zehn Teilnehmer. Es läuft leise Musik, Kerzen brennen, es herrscht eine gemütliche Stimmung.
Die Yoga-Kurse gibt es in verschiedenen Schwierigkeits-Leveln, Julia bietet als studierte Ernährungswissenschaftlerin aber auch Ernährungsberatung und Bewegungstherapie an, um ein gesamtheitliches Konzept zu schaffen. Im Sommer werden noch mehr Kurse angeboten, die dann auch draußen stattfinden. Yoga am Strand? Klingt nach einer perfekten Kombination, finde ich.
Julia Ristow verspricht auf ihrer Website, dass jeder Yoga machen kann – egal ob jung oder alt, körperlich fit oder eingeschränkt. Das Gefühl habe ich zunächst nicht. Jedes Mal, wenn ich es mit Yoga probiere, verfluche ich erst meine Ungelenkigkeit und meine Unfähigkeit, mich auf eine tiefe Atmung zu konzentrieren, um mir dann vorzunehmen, ab sofort wirklich daran zu arbeiten. Ich lerne dieses Mal aber auch, dass es beim Yoga darum geht, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren, dass es keinen Leistungsdruck und Wettkampfgedanken gibt, wie es sonst bei Sport meist der Fall ist.
Zurück in den Raum: Es geht los, Neulinge und Yoga-Kenner sitzen verteilt auf den Matten im Raum, Julia führt von einer Matte in der Mitte des Raumes durch die Yoga-Stunde. Mit einer wirklich angenehmen Stimme gibt Julia Anweisungen – macht aber selber auch mit. Gut für Yoga-Anfänger wie mich, die dann immer nochmal gucken können, wie genau die Übung nun aussehen soll. Bei anspruchsvolleren Übungen geht Julia durch die Reihen und korrigiert die Haltung leicht – auf jeden Kursteilnehmer wird einzeln eingegangen.  Obwohl die Yoga-Einheit kein schweißtreibender Sport war, machen sich am Ende doch meine Muskeln bemerkbar; nach der gemeinsamen, abschließenden Entspannung fühle ich mich jedoch wieder erholt und ausgeglichen.
Die Yoga-Einheiten bei Julia kann ich nur empfehlen – ob zum Ausspannen nach einem stressigen Tag oder für einen gelungenen Start in den Morgen.


Ende Januar ging es für mich für drei Tage von der Insel: Ich war als Speakerin zur BOOT, der weltgrößten Wassersportmesse, eingeladen, um von meinem Leben als Inselbloggerin zu erzählen. Ich nutzte die freie Zeit in Düsseldorf dazu, alte Freunde zu treffen und hatte zwei wirklich schöne Abende dort. Samstag war ich fast den gesamten Tag auf der Messe- zweimal sollte ich etwa eine halbe Stunde von meinem Inselalltag erzählen, den Rest des Tages verbrachte ich damit, mir einen Eindruck von der gigantischen Messe zu verschaffen. Zwischen Luxusyachten und Segelbooten, die größer als die eigene Wohnung sind, kann man sich schon arm vorkommen.  Während die Luxus-Hallen der Messe nicht ganz meine Welt waren, hat die Surfsport-Halle noch mehr Lust auf Wellenreiten, Kitesurfen und Windsurfen gemacht und meine Vorfreude auf den Surfsaison-Start auf Norderney verfößert.
Mein Vortrag war sehr entspannt; ich hatte eine Präsentation mit Fotos von meiner Arbeit und der Insel vorbereitet, der Rest ergab sich im lockeren Gespräch mit dem Moderator.


83942128_526435704896433_2566190307355918336_nLast but not least habe ich im Januar die bisher beste Entscheidung meines Lebens getroffen: Seit Ewigkeiten will ich einen eigenen Hund besitzen, nun habe ich endlich einen, eine 1,5 Jahre alte Husky-Collie-Labrador-Dame. Viel Verantwortung, viel Geld, viel Zeit – aber schon nach drei Tagen Hundemama-Dasein weiß ich: Das ist es wert!  Wir beide sind schon jetzt ein echtes Team, waren zusammen in der kalten Nordsee und, was ich nicht gedacht hätte: Ich entdecke nach vier Monaten Inselleben immer noch neue Wege, seit wir zu zweit unterwegs sind. In den nächsten Blogeinträgen werdet ihr also um Berichte vom Leben mit Hund nicht herumkommen!


Fasten-Fazit

Der Fasten-Monat ist zwar noch nicht ganz um, aber ein Fazit kann ich dennoch  ziehen, denn: Ich habe bereits mit meinem Vorsatz gebrochen.
Ab dem 16. November wollte ich einen Monat lang auf Fleisch, Alkohol und meinem Story-Post bei Instagram zufolge auch auf Crystal Meth verzichten. Darauf folgten derart viele schockierte, aufgebrachte Reaktionen, dass ich an dieser Stelle gerne noch einmal sage: Das war ein Witz. Ich habe den Meth-Konsum bis dato nicht für mich entdeckt.

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Bier & Bratwurst: beides einen Monat lang tabu.

Vor allem zuhause war das Fasten kein Problem: Ich trinke nicht (mehr) allein daheim und Fleisch esse ich ohnehin fast nur auswärts.
Als Mensch, der sich im Restaurant häufig mit Entscheidungen schwertut, war der Monat geradezu eine Wohltat. Dreiviertel aller Gerichte auf der Karte fielen für mich in der Regel weg, auch die Auswahl der Getränke fiel deutlich leichter, nun, da ich die Bier-, Wein-, Cocktail-, und Spirituosenseiten einfach überblättern konnte.
Ich bin zwar sowohl in den Restaurants als auch in den Supermärkten Norderneys immer fündig geworden, muss aber sagen, dass es hier vergleichsweise doch recht wenige vegetarische Alternativen in den Menüs und Supermarktregalen gibt. Vegeteratisch oder vegan wird ein Gericht hier häufig einfach durch das Weglassen der Fleischkomponente denn durch einen ansprechenden Ersatz.
Erschwert wurde der Verzicht auf Fleisch und Alkohol vor allem bei großen Veranstaltungen. Ein Fest auf dem Kurplatz? Gulaschkanone! Ein kleiner Weihnachtsmarkt um die Ecke? Bratwurst und Glühwein!

Auf Alkohol zu verzichten war für mich kein Problem – wenn ich Lust auf Bier hatte, wurde eben alkoholfreies Bier bestellt und beim allabendlichen lebendigen Adventskalender schmeckte mir Kinderpunsch ohnehin besser als Glühwein. Erst durch den Komplett-Verzicht ist mir aufgefallen, zu wie vielen Gelegenheiten ich sonst zumindest ein Glas Wein oder Bier trinken würde – und bei wie vielen Veranstaltungen ein gewisser Konsum geradezu erwartet wird.

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Ups.

Nun zu meinen Fasten-Brüchen:
In Sachen Fleisch habe ich gleich zweimal gegen mein eigens auferlegtes Verbot verstoßen. Einmal war ich bei einer Freundin zum Essen eingeladen –  und es gab Spaghetti Bolognese. Ich weiß nicht, wie zuträglich es für ein freundschaftliches Verhältnis gewesen wäre, wenn ich sie zurück an den Herd geschickt hätte.. also „sündigte“ ich schon an Tag 5.
Auch mein zweiter Verstoß war nicht so richtig selbst verschuldet: Ich bestellte zwar extra einen Eintopf ohne Wurst – das bewirkte aber leider kein Verschwinden der Schinkenwürfel darin. Keine Ahnung, ob das als halb-vegetarisch-weil-gut-gemeint zählt; ich denke aber nicht.
In Sachen Alkohol habe ich länger durchgehalten, aber am 10.12 war ich dann doch zu sehr Guter-Kumpel, als dass ich meine Freundin in Wilhelmshaven allein hätte trinken lassen. Da gabs dann auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein mit Amaretto – und ich hatte direkt die Lampen an.

Mein Fazit: Es ist definitiv möglich, auf beides zu verzichten – und theoretisch ist es auch gar nicht so schwer. Praktisch bin ich aber einfach super schlecht daran, mich an Komplett-Verbote zu halten. Sowohl bei Alkohol als auch bei Fleisch ist ein bewusster und geringer Konsum in vielerlei Hinsicht einfach sinnvoll – und das werde ich auch in Zukunft anstreben, ohne daraus wieder ein „Projekt“ zu machen.

Nachdem ich vorgestern ein Video über die Zustände in Massentierhaltungs-Betrieben gesehen habe, ist mir vorerst ohnehin der Appetit auf Fleisch vergangen, von dem ich nicht weiß, woher es kommt; oder von dem ich eben weiß, dass es aus Massentierhaltung stammt. Und auch, wenn es einige nerven und sich viele der Salami auf dem Butterbrot beraubt fühlen dürften: Wenn eine Packung Hack 4€ oder eine Packung Wurst 1,50€ kostet – dann hat das Tier, das da in Teilen drin liegt, definitiv kein ansatzweise mit Ethik zu vereinbarendes Leben und wahrscheinlich nicht einmal einen vertretbaren Tod erfahren dürfen. Einfach nicht kaufen – Brot schmeckt auch mit Hummus 😉


herbstende

Ende November – und ich bin immer noch voll im Herbstmodus und gedanklich eher im Laub als auf Weihnachtsmärkten unterwegs.  Angesichts der vielen Fotos von Glühweinbuden und Crêpes-Ständen, die mich von Freunden erreichen, muss ich aber wohl oder übel einsehen, dass es steil auf den Winter zugeht – und zwischen heute und Weihnachten nur noch 28 Tage liegen.

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Auch auf Norderney gibt es einen Weihnachtsmarkt – allerdings erst ab dem 27. Dezember

Der Himmel scheint seine Farbe für die Herbst-Winter-Saison auf jeden Fall schon gefunden zu haben: Grau. Den Unterschied zwischen Morgen und Mittag, Mittag und Abend erkennt man häufig nur daran, dass dunkles Grau zu hellem Grau und helles Grau wieder zu dunklem Grau wird.
Ich weiß, dass sich über Schönheit streiten lässt – und Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt – aber so ganz rational gesehen, hat ein vollkommen grauer Tag einfach wenig Schönes an sich hat. Und dennoch: Wenn ich nicht gerade im Bett liege, aus dem Fenster starre und mich frage, ob es irgendeinen nennenswerten Grund gibt, heute noch das Haus zu verlassen – also wenn ich draußen bin, ob am Strand, in den Dünen oder auf irgendeiner Straße, die mitten durch all das Grau-in-Grau führt – dann haben auch diese rational-hässlichen Novembertage was für sich. Alles scheint wie in Watte gepackt, jedes Geräusch wirkt gedämpft; fast vom Nebel verschluckt und Menschen scheinen nur noch in den Cafés mit Kerzenlicht und Kamin vor einer heißen Tasse Tee zu existieren.
Norderney im November-Grau: Unendlich friedlich – und gleichzeitig verstehe ich, wieso es trotz der verschwindend geringen Mordfälle so viele Ostfriesen- und Inselkrimis gibt. Die stumme, triste Landschaft und der alles-vertuschende Nebel liefern die perfekte Kulisse für ein Verbrechen.

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Leere Straßen, grauer Himmel: Norderney im November.

Vielleicht passiert hier trotz perfekter Krimi-Szenerie kaum etwas Schlimmes, weil jeder auf der Insel direkt Bescheid wüsste. Denn: Anonymität ist hier ein Fremdwort.
Jetzt, da die Urlauberzahlen deutlich abgenommen haben, erkenne auch ich als Neuling langsam aber sicher, wer zur Insel „gehört“ und wer nicht. In Restaurants spiele ich mittlerweile in Gedanken das Spiel „Wer ist Touri, wer Insulaner“ durch. Die Ur-Insulaner brauchen solche Spiele natürlich nicht mehr. Sie wissen, wer auf der Insel lebt (und wie lange schon), womit die Person ihr Geld verdient (und wie viel davon) und gefühlt sogar, was es gestern zum Mittagessen gab und welches Fernsehprogramm lief. Ganz so extrem ist es natürlich nicht – und doch spielt Klatsch und Tratsch hier – ganz ähnlich wie in meinem Heimatdorf – eine wichtige Rolle. Ich habe mir vorgenommen, einen Monat lang weder Alkohol noch Fleisch zu konsumieren und fürchte, dass ich angesichts meiner Malzbier- und Wasserbestellungen ganz bald Geschenke zur bevorstehenden Geburt meines Gerüchteküche-Babys erhalten werde. Privates und Berufliches trennen – das ist hier kaum möglich:  Den Kollegen begegnet man im Wartezimmer beim Arzt, dem Arzt abends beim Sport, dem Sportkursteilnehmer in der Sauna und der, der den Aufguss in der Sauna macht, wohnt zufällig im gleichen Haus.

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Besser, man sucht sich vor dem Winter Freunde: Wenn es draußen eklig wird, spielt sich das Leben drinnen ab.

Die fehlende Anonymität hier ist nicht generell schlecht oder gut – sie ist in manchen Momenten einfach praktischer als in anderen. Vollkommen betrunken durch die Straßen wanken: In Köln auf jeden Fall weniger peinlich, wenn niemand einen kennt – nicht einmal der eigene Nachbar.  Noch betrunkener durch die Straßen wanken und nicht mehr wissen, wie man nach Hause kommt: Auf Norderney praktisch; jeder weiß, wo der andere wohnt. Oder wenn es eben um gegenseitige Hilfe geht, um das Ausleihen von zB einer Bohrmaschine – erstens weiß man, wer eine Bohrmaschine haben könnte, zweitens weiß die andere Person sicher, dass sie diese wieder zurückbekommt – schließlich will keiner, dass jeder auf der Insel über die eigene Unzuverlässigkeit Bescheid weiß.

Schon, dass man den gleichen Wohnort gemein hat, schafft auf Norderney ein Zusammengehörigkeitsgefühl – man teilt die Abgeschiedenheit, die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und steuert die gleichen Supermärkte und Restaurants an. Dadurch, dass man sich ständig wieder über den Weg läuft, „kennt“ man sich viel eher als in der Stadt. Es wird seine Gründe haben, dass es nur das Wort Dorfgemeinschaft, nicht aber das Wort Stadtgemeinschaft gibt. Gelebtes Gemeinschaftsgefühl beispielsweise gibt es in Großstädten gefühlt nur zu besonderen Anlässen, in Köln an Karneval und bei Fußballspielen.

Bisher habe ich die fehlende Anonymität auf Norderney vor allem positiv erfahren: Freundschaften, Bekanntschaften und zig Hilfsangebote beim Umzug.  Der wohl beste Nebeneffekt, wenn jeder jeden kennt: Bei ebay kleinanzeigen gehen Käufer und Verkäufer besser miteinander um. Die klassischen ebay-Phrasen „Letzte Preis??“, „Noch da?“ und „Mach billiger“ werden durch vollständige, freundliche Sätze ausgetauscht.


es ist kompliziert.

Was vielfach als Beschreibung einer semioptimalen Beziehung herhalten muss, fasst auch in vielerlei Hinsicht das Leben auf einer Insel in Worte; das Leben auf Norderney.

Die Kompliziertheit des Insulanerdaseins, sie fängt für die Norderneyer schon mit der Geburt an: Es gibt keine Geburtenstation auf Norderney. Ich persönlich schätze meinen Gemütszustand kurz vor der Geburt so ein, dass eine Fährfahrt das Letzte sein dürfte, auf das ich Lust hätte. Aber – wat mutt, dat mutt – und so haben Norderneyer Familien wahrscheinlich mehr spannende Geburtsgeschichten zu erzählen, als die meisten Festlandfamilien.
Immerhin: Seit Januar gibt es auf Norderney mit Julia Gotschlich wieder eine Hebamme, die Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse gibt und werdenden Eltern bei Fragen oder Problemen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Kompliziert geht’s weiter: Schiel-Probleme, schlechte Sehkraft; bunte Pflaster oder Brillen bekommt nur, wer vorab auf die Fähre steigt. An sich ist die Ärzteversorgung auf Norderney zwar vergleichsweise gut, Augenärzte z.B. gibt es aber nur auf der anderen Seite des Wassers.

Auch für den Führerschein müssen Insulaner erst aufs Boot. Klingt zwar zunächst umständlich und nervig, letztlich würde ich aber auch niemandem im Straßenverkehr begegnen wollen, der mit Abschluss der Fahrprüfung als Höchstgeschwindigkeit 50 km/h verzeichnen kann, noch nie an einer Ampel gestanden und lediglich drei verschiedene Straßen befahren hat.
Die Lernerei an sich scheint mit viel Fahrerei verbunden zu sein: Wer einen höheren Schulabschluss anstrebt, muss die Insel verlassen – nach der 10. Klasse ist auf Norderney Schluss, danach geht es entweder pendelnderweise aufs Gymnasium oder direkt aufs Internat. Wenn ich überlege, wie früh aufgestanden werden muss, um pünktlich zur ersten Stunde auf dem Festland zu sein – ich würde nicht hingehen.

Weiter geht’s mit Sport: Wer auf Norderney beispielsweise in einer Fußballmannschaft spielt, kann für ein Auswärtsspiel natürlich nicht nur bis ans andere Ende der Insel fahren und dort auf den Gegner treffen. Auch hier steht jedes Mal erst eine Fährfahrt an, ein Spieltag kann also gerne mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen.
Auch Sportbegeisterten, die auf Langstrecke trainieren, legt das Inselleben Steine in den Weg. Eine 180 km lange Radstrecke beispielsweise wird nun einmal nicht zwingend spannender, wenn man alle 10 Kilometer umkehren muss und immer wieder das Gleiche sieht. Immerhin bietet die Insel ausreichend Wind, was einen zusätzlichen Trainingseffekt verspricht.

Die Pubertät samt Folge-Teenagerjahren stelle ich mir am schwierigsten vor: Du willst Mädels kennenlernen, kennst sie aber schon alle – immerhin wart ihr schon gemeinsam in der Krabbelgruppe. Auch Tinder dürfte nicht die größte Hilfe sein – sobald der Radius auf über 10 km gestellt und ein potentieller Partner gefunden wird, muss ständig die Fahrt mit der Fähre bezahlt werden. Umgekehrt müsste der Festland-Partner hier sogar immer noch für die Kurtaxe aufkommen: Eine Beziehung, die an die Substanz, ins Geld geht. Für die meisten Insel-Jugendlichen dürfte deshalb gelten: Auf den Sommer warten, wenn zahlreiche feierwütige Inselgäste und Saisonarbeiter auf die Insel strömen. „Fährenweise Frischfleisch“ empfinde ich als schönen Titel für dieses Sommer-Phänomen. Auch der Disko-Besuch gestaltet sich schwierig, wenn alle Locations, in denen die eigenen Eltern oder Menschen aus der Generation der Eltern feiern gehen, ausgeklammert werden.

Was ich oft vergesse: Es müssen nicht nur alle Touristen irgendwie hier auf die Insel kommen, sondern eben einfach alles, was man für den täglichen (oder lebenslänglichen) Gebrauch benötigt. Außer Meer und Sand ist auf einer Insel nicht viel vorhanden. Alles, was in den Regalen steht, im Restaurant serviert wird, alle Möbel, Geschirre, Tiere – was auch immer: Es muss erstmal auf ein Schiff und rübergefahren werden.

Touristen, Zugezogene und mich tangieren diese Probleme natürlich kaum. Das Einzige, was mir hier das Leben schwer macht? Der Sand. Ich kann saugen und fegen, so viel ich will; irgendwo in der Wohnung liegt immer Sand.

Auch wenn das Leben auf einer Insel oft etwas komplizierter ist: Mit dem Strand, der Nordsee und den Wellen direkt vor der Haustür dürfte sich jeder Insulaner oder Zugezogener sagen: Das ist es wert.

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„Hallo und Tschüss“

Ganz so schnell war das Gespräch mit Windsurflegende Bernd Flessner zum Glück nicht vorbei. Aber bei Tee, Kaffee und Erbsensuppe auf der Terrasse vom Surfcafé erzählt Bernd mir, dass das Leben als Profisportler von Abschieden geprägt ist; man häufig schon wieder aufbricht, obwohl man gerade erst angekommen ist – und wieso er immer wieder in seine Heimat, nach Norderney, zurückkehrt.

Wasser, Wind und Wellen – Windsurfen steht wie kaum eine andere Sportart für Freiheit und den Kampf mit den Naturgewalten.
1976, mit gerade mal 7 Jahren, hat Bernd das erste Mal auf dem Board gestanden – von diesem Moment an hat ihn der Extremsport gepackt: 1990 der erste World Cup Sieg,  von 1995 bis 2011 ist er durchgehend Deutscher Meister in der Gesamtwertung, er wird dreimal Weltmeister, surfte in 4 Stunden von Norderney bis Sylt, war 12 Jahre unter den Top Ten der PBA– und der PWA-Weltrangliste und ist zusammengerechnet mit Sicherheit mehrmals um die Welt gesurft: Bernd Flessner, gebürtiger Norderneyer, ist nach wie vor der erfolgreichste deutsche Windsurfer.

Erst 1967 glitt der erste Windsurfer in den USA übers Wasser, in Deutschland sogar erst 1972 – damit gehört Bernd zur ersten Generation der Windsurfer und erlebte die goldenen Jahre des Sports. Ein absolutes Hoch hatte das Windsurfen in den 90ern – im Vergleich zu heute gab es bei Wettkämpfen mehr und bessere Konkurrenz. Auch deshalb, weil die Sportler sich dank vieler Sponsoren einzig und allein auf den Sport konzentrieren konnten. Konnten damals noch etwa 40 Surfer vom Sport leben, finanzieren sich heute gerade mal 7-8 Sportler nur durchs Surfen.

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Essen für Weltmeister – Erbsensuppe im Surfcafé

Die schönsten Orte der Welt, die weitesten Strände, großartige Partys, schöne Frauen: Viele Klischees, die dem Surfsport anhaften, sind wahr. Bernd ist dankbar für die Erlebnisse, Reisen und Chancen, die ihm der Sport geboten hat; er sagt aber auch, dass ihm die Profikarriere viel abverlangte, viel Kraft gekostet hat. Täglich mehrfach trainieren, Reisen selber planen, Gepäcktransporte von bis zu 450 kg rund um die Welt organisieren: Bernd ist der Meinung, dass jeder Profisportler die Frage, ob die Karriere genau so nochmals angestrebt werden würde, verneinen würde. Dafür fließe zu viel Investition, Verzicht und Anstrengung in den Sport, zu viel anderes im Leben würde vernachlässigt werden. Dass die eigenen Ansprüche, aber auch die Erwartungshaltung von außen, mental müde machen, merke man oft erst am Ende einer Karriere, wenn man nicht mehr nur besessen ist von dem Gedanken, wieder aufs Wasser zu kommen.

Im Herbst 2013 beendete Bernd seine Karriere nach 25 Jahren als Profi; auf dem Brett steht er aber nach wie vor; mittlerweile seit 43 Jahren. Jetzt genießt er es, völlig ohne Druck aufs Wasser zu gehen; hat wieder Spaß an dem Sport gefunden. Während Windsurfen früher Passion, Besessenheit und Lebenseinstellung für Bernd war, er unentwegt Wind- und Wasserbedingungen checkte und fehlender Wind für schlechte Stimmung sorgte, geht er jetzt auch bei perfekten Bedingungen mal nicht aufs Wasser; er hat als Markenbotschafter aber auch ohnehin zu viel um die Ohren, als dass er jede gute Welle mitnehmen könnte.

Obwohl Bernd schon weltweit gesurft ist, gehören neben Kapstadt und dem Silver Sands Beach auf Barbados der Januskopf und die Weisse Düne zu seinen Lieblingssurfspots. Und während viele seine Kollegen mittlerweile nach Hawaii oder Kapstadt gezogen sind, kommt „Flessi“ immer wieder zurück nach Norderney. Auch hier ist er – wie an allen anderen Orten – selten länger als zwei Wochen am Stück. Die einzig lange zusammenhängende Zeit im Jahr, die er an einem Ort verbringt, sind 6 Wochen im Sommer auf Kos, in denen er als Windsurflehrer Kurse bei ROBINSON gibt.

Die Winter auf Norderney findet Bernd hart. Kälte, Wind und Nässe seien nicht das Problem; sondern die anhaltende Dunkelheit. 25 Jahre lang ist er deshalb der kalten Jahreszeit entflohen und überwinterte in Kapstadt. Trotzdem zog es ihn immer wieder nach Norderney zurück. Wieso genau, das kann er gar nicht so genau sagen. Wie es so oft mit der eigenen Heimat ist, betrachtet er vieles auf der Insel kritisch, findet Norderney häufig zu klein, zu unbelebt, zu eng. Aber er weiß auch, dass die Natur, das Meer, der Strand, dass das alles wunderschön ist. Und letztlich ist es eben Heimat, sein Zuhause. Da kehrt man einfach immer wieder hin zurück und denkt gar nicht so sehr über das ‚Warum‘ nach.


„Bekanntmachung!“

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerFußgängerzone Norderney: Der Klang einer Glocke hallt durch die Straßen, von weitem sieht man erst den royalblauen Umhang, dann die rote Mütze mit dem Aufdruck „Ausrufer“, geziert von unzähligen Ansteckern aus aller Welt, das blau-weiß-gestreifte Fischerhemd und schließlich das wohl meistfotografierte Gesicht Norderneys – jeder, der einmal nach Norderney kommt, lernt ihn kennen: Bernd Krüger, den Ausrufer der Nordseeinsel.

Während ich in menschenleerer Natur glücklich und zufrieden bin, empfinde ich Fußgängerzonen und Städte als äußerst geeignete Orte für etwas Miesepetrigkeit und passive Aggressivität.
Damit habe ich mich für den Beruf des Ausrufers bereits disqualifiziert – zumindest geht Bernd seiner Tätigkeit in den Straßen Norderneys voller Begeisterung nach und hat für jeden Passanten ein offenes Ohr, ein Lächeln, freundliche Worte und für die Kleinen meist eine Tüte Gummibärchen.

Der Beruf des Ausrufers hat eine lange Tradition – und eigentlich gibt es ihn heute kaum noch. Früher verkündeten Ausrufer in jeder Stadt an festgelegten Punkten wichtige Bekanntmachungen – und die Einwohner versammelten sich dazu. Mit der Zunahme an Informationsquellen, Zeitung, Radio und Social Media, ging die Zahl der Ausrufer stetig zurück: Wer geht schon noch zu einer festen Zeit in die Stadt, um Dinge zu erfahren, wenn die Zeitung ganz bequem vom Sofa aus gelesen werden kann?

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerNorderney – allen voran Kurdirektor Loth – wollte zurück zu dieser Tradition – und deshalb gibt es mit Bernd seit 2008 wieder einen Ausrufer auf der Insel, der Stadtführungen macht, Gästen Rede und Antwort steht und Norderney auch auf Messen vertritt. Auch andere Orte halten an der Tradition des Ausrufers fest – die Deutsche Ausrufergilde trifft sich einmal jährlich und veranstaltet alle drei Jahre die Deutsche Ausrufermeisterschaft.

Auch wenn Bernd Krüger Norderney wie seine Westentasche kennt: Ur-Norderneyer bzw. Insulaner ist er nicht. Dennoch zog es den gebürtigen Hamelner schon als Kind immer wieder nach Norderney – nicht für einen entspannten Urlaub, sondern zur Kur.  1964, mit 15 Jahren, zog Bernd dann auf die Nordseeinsel, begann eine kaufmännische Lehre und arbeitete bis 2008 im Bürgeramt. Als ihm bei Renteneintritt der Ausrufer-Job angeboten wurde, musste Bernd keine Sekunde überlegen – er sagte direkt zu.

Ausrufer Bernd Krüger, Norderney, InselbloggerSeit elf Jahren ist Bernd jetzt als Ausrufer auf Norderney unterwegs, jeweils von Ostern bis zum Ende der Herbstferien – und er liebt seinen Job, die Begegnungen mit Reisenden und die vielen interessanten Gespräche.
Doch auch während der freien Wintermonate wird Bernd nicht langweilig: Erst muss sein Garten winterfest gemacht und die über 80 Gartenzwerge ins Warme gebracht werden und dann stehen nicht nur Urlaube, sondern auch zahlreiche Termine als Nikolaus und Weihnachtsmann auf dem Plan.
Zwei Urlaubsziele haben sich bei Bernd bewährt: das portugiesische Blumen- und Wanderparadies Madeira und Mittenwald in Oberbayern. Vielleicht, weil diese Orte das mitbringen, was Bernd auf Norderney hin und wieder vermisst: Wald und Berge, wie in seiner Heimat, dem Weserbergland.

Sein ganz persönliches Blumenparadies hat Bernd im eigenen Kleingarten geschaffen, der für Bernd vieles ist: Lieblingsplatz auf der Insel, Ruhepol und Ort, an dem er Freunde und Stammgäste, die zu Freunden geworden sind, empfängt. Heute zum Beispiel kommt ihn noch Familie Strunk aus Olfen im Kleingarten besuchen. Auch die Familien Metzger & Hesse aus Hameln oder Niese aus Bielefeld sind während ihrer Besuche gern bei ihm zu Gast.

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerBernd liebt das Leben auf Norderney: „Manchmal gehe ich ins Bett und frage mich: ‚War der Tag jetzt Traum oder Realität?‘, so ist Norderney für mich“. Fremd hat Bernd sich auf der Insel nie gefühlt, er wurde von Beginn an herzlich aufgenommen und hat schnell den „Zugezogenen“-Status abgelegt. Und auch der Winter macht ihm nichts aus: Zwar mag Bernd den Sommer lieber, er freut sich aber immer besonders auf eins in der kalten Jahreszeit: Grünkohl.

Am Ende unseres Gesprächs gibt es eine Einladung zum Kaffee im Kleingarten und eine Autogrammkarte für mich. Und tatsächlich kommen auch einige andere Urlauber vorbei, die Fotos von ihm machen oder Autogramme haben wollen – Ein echter Promi, hier auf Norderney.


auf zu neuen ufern.

Dorf, Kleinstadt, Großstadt, Ausland und jetzt: Norderney.

Eine Insel, über die ich mich erst nach Erhalt des Jobs schlau machte – zum Beispiel über die Größe (15×2,5 km) oder die Einwohnerzahl (6.232, Stand 12/2017).
Im Vergleich zu meinem letzten Hauptwohnsitz Köln ziemlich überschaubar, andererseits bin ich auf einem Dorf mit je einer Feldlänge Abstand zu jedem Nachbarn aufgewachsen – also findet sich Norderney irgendwo in der gesunden Mitte wieder.
Obwohl Norderney sich flächenmäßig deutlich in Grenzen hält, spricht mein Orientierungssinn auch hier nur vage Vermutungen aus, wenn es darum geht, den richtigen Weg zu finden. Ganz Griechenland atmet indes erleichtert auf, weil ich den Wanderguide-Job nun nicht mehr angetreten habe.

Angereist bin ich mit dem Fahrrad – übers Wasser habe ich dann doch die Fähre als Fortbewegungsmittel vorgezogen.
Nach 165 Kilometern musste ich nicht nur meinen Bruder verletzt an einer Landstraße zurücklassen, sondern auch zwei Dinge feststellen: 1. Ich mag keinen Wind und 2. Auf Norderney wird es viel davon geben. Bekanntlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied, also kann ich nur mir selbst einen Vorwurf machen.

Apropos Rad: Auch wenn das langsame Radfahren in Oldenburg erfunden wurde (nicht wissenschaftlich bewiesen, aber meine Meinung), so scheinen sich die Norderneyer der ehrenwerten Aufgabe angenommen zu haben, diese Sportart zu ihrer Paradisziplin zu machen. Aber gut – angesichts der Inselmaße ist es einfach sinnvoller ein gemäßtiges Tempo denn einen heißen Reifen zu fahren. Ich merke schnell, dass mein aggressiver Fahrstil, der in der Großstadt erst das Überleben garantiert, hier mehr als entbehrlich ist: Man fährt gemütlich und rücksichtsvoll.

Generell muss ich nach einer Woche feststellen: Die Menschen hier sind freundlich.
Während in Köln stets von der rheinischen Frohnatur geredet wird, wird Freundlichkeit hier einfach gelebt – lächele ich Menschen auf der Straße zu, erhalte ich tatsächlich ein Lächeln zurück. In jeder deutschen Großstadt würde man als Reaktion zwei Tage später eine Unterlassungsklage erhalten.

Nicht nur die Freundlichkeit, auch die frische Luft bedeutet einiges an Umstellung für Körper und Geist. Vom Smogentzug gepeinigt rebelliert mein Körper; als Trotzreaktion auf mangelnden Feinstaub in der Luft falle ich in der ersten Woche einer Erkältung zum Opfer. Statt direkt auf große Erkundungstour zu gehen, verbringe ich also viel Zeit vorm Wasserkocher. Aber gut, zumindest ist Teetrinken auch Teil ostfriesischen Kulturguts.

Entgegen meiner Erwartungen ist auf Norderney ziemlich viel los. Bei der Planung zu besuchender Veranstaltungen wird mir schnell klar, dass ich nicht nur die Anzahl, sondern auch den Schickheits-Grad der Events deutlich unterschätzt habe. Ich bin kleidungstechnisch eher für Wattwanderungen, Schaf-Scher-Wettbewerbe und Boccia-Spiele gerüstet; gewünscht ist häufig „angemessene Garderobe“ – was bei Theater, – Konzert oder Ballbesuchen wahrscheinlich kaum Wollsocken und Jogginghose bedeutet.  

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Adiletten würden hier unter „unangemessene Kleidung“ fallen

Entsprechend stand in den ersten Tagen ein Stadtbesuch auf dem Plan. Wieder lag ich mit meinen Erwartungen falsch: Es gibt ziemlich viele Geschäfte – und nicht in allen Läden zieht angesichts der Preisschilder eine Dispo-Wolkenfront auf. Heißt: Auch mit wenig Geld kann Schönes gefunden (und gekauft) werden. Meine Suche nach Schuhen verlief dennoch erfolgslos. Das Scheitern dürfte meinen zu genauen Vorstellungen geschuldet sein, die mich nicht nur beim Einkauf, sondern auch bei der Männerwahl vor eine schwierige Aufgabe stellen. Bei Schuhen sehe ich mich noch nicht gezwungen, von meinen Ansprüchen zurückzutreten.

Nach einer Woche und dem Besuch einiger Veranstaltungen will ich behaupten: Die Menschen hier sind länger verliebt. Zumindest erweckt es den Eindruck, wenn auch in die Jahre gekommene Paare immer noch Händchen halten, Arm in Arm unterwegs sind und über Kommentare des Partners lachen, als wäre das Gegenüber unterhaltsam und liebenswürdig – und nicht nur jemand, der nie die Spülmaschine einräumt und ständig die Schlüssel verlegt.
Aber gut, vielleicht entsteht dieses andauernde Glück aus der Not heraus – Was brächte es schon, sich über seinen Partner aufzuregen, wenn doch ganz klar ist, dass unter 6.232 Einwohnern kaum viel mehr bessere Anwärter zu finden sein dürften? Und wie deprimierend ist es, wenn man im Streit wutentbrannt „Ich gehe jetzt!!“ brüllt und dann maximal 30 Minuten bis zu einer Aussichtsdüne radeln kann, statt auf der Autobahn massig Kilometer zwischen sich und den Angetrauten zu bringen?  Und: Man würde sich auch nach einer Trennung zwangsläufig ständig über den Weg laufen – da sagt man sich vielleicht lieber, dass der Frithjof doch eigentlich ein ganz feiner Kerl ist und bleibt für immer glücklich und zusammen.

Fazit: Norderney überzeugt bisher – bei Natur, Veranstaltungen und Restaurants kann man echt nicht meckern. Und auch mit den Menschen könnte es passen: Norderney ist nämlich auch, wenn rein zufällig „Leave your hat on“ von Joe Cocker gespielt wird, wenn die Polizei zwecks Ruhestörung zu einer Party kommt.