Freizeitstress

Seit Wochen erreicht mich immer wieder die gleiche Frage aus meinem Bekanntenkreis, aber auch von Norderneyfans bei Instagram: Ist es aktuell nicht total langweilig auf der Insel?

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Langeweile? Fehlanzeige, seit ich täglich Peppa um die Insel ziehe.

Dabei gab es in den vergangenen Wochen hier die gleichen Beschäftigungsmöglichkeiten wie an allen anderen Orten: Spaziergänge, Essen, Sport, Netflix, Haushalt. Ein klein bisschen aufregender dürfte es hier vielleicht sogar gewesen sein: Strandspaziergänge auf Norderney finde ich nach wie vor spannender als Feldwegspaziergänge daheim und: Wer 3x täglich Sand in die Wohnung trägt, hat auch entsprechend mehr im Haushalt zu tun.

Wenn ich auf mein Handy schaue, dann werden mir folgende Zahlen angezeigt: 247 und 118. Zweihundertsiebenundvierzig Tage bin ich schon auf der Insel, einhundertachtzehn habe ich nur noch vor mir – keine vier Monate mehr.
Auch wenn dieses Jahr alle Großveranstaltungen wie White Sands, Filmfestival, Summertime etc für mich ausfallen werden: Ich habe noch ziemlich viel vor und frage mich jetzt schon, wie ich das alles schaffen – und dann auch noch so etwas wie Zukunftsplanung betreiben soll. Wenn man eine gute Zeit hat und viel Schönes genießt, dann fällt es schwer, sich damit zu beschäftigen, welcher „richtige“ Job ab dem Herbst ausgeübt werden soll.

Bis ich die Insel verlasse stehen noch einige Besuche von Freunden und Familie an, außerdem will ich am liebsten Kitesurfen, Windsurfen und Wingfoilen lernen, einen der Ausflüge zu den Nachbarinseln machen, ich überlege, mir ein StandUp-Paddleboard zu kaufen und habe gerade wieder begonnen, Tennis zu spielen.  Ich will einmal bei Sonnenuntergang am Strand entlangreiten, eine Bootstour machen, endlich einmal auf den Leuchtturm gehen (der seit meiner Ankunft geschlossen ist), am liebsten auch einmal Norderney aus der Luft sehen und eigentlich stehen auch noch ziemlich viele Restaurants auf meiner „To-Eat-Liste“. Im September, also zu Beginn meines Inselbloggerjahres, dachte ich noch, dass ich alles, was es auf der Insel zu tun gibt im Nu abgehakt haben werde – und dann den Rest des Jahres wenig zu tun haben würde. Jetzt sehe ich etwas die Zeit davonrennen und merke: Die Möglichkeiten, sich seine Zeit auf Norderney zu vertreiben, sind mit Sicherheit nicht unbegrenzt – aber doch nicht direkt überschaubar.

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Auch die Surfschule hat endlich wieder geöffnet!

Ich leide aktuell also etwas unter dem Luxusproblem Freizeitstress – und ganz nebenbei geht es es aktuell wieder ordentlich los auf der Insel. Straßen und Strände füllen sich, Restaurants und Cafés haben wieder geöffnet, es ist wieder Leben auf Norderney! Die immer wiederkehrende Frage kann ich also in jeglicher Hinsicht verneinen: Nein, langweilig ist es auf Norderney nicht.


Gefangen im Paradies

Ich habe mich verliebt. Liebe auf den ersten Blick war es keineswegs, eher ein langsames Aneinander-Herantasten, ein vorerst argwöhnisches, gegenseitiges Umkreisen. Ich weiß nicht, wie es um die Gefühlswelt einer Insel steht, aber ich für meinen Teil war anfangs eher skeptisch: Zu klein, zu wenig Anonymität, begrenzte Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung.
Und dann ist es passiert – so richtig gemerkt habe ich es, als ich Ende März von einem kurzen Urlaub bei meinen Eltern auf die Insel zurückkehrte. Ich setzte mich an Deck der Fähre und freute mich: Auf nach Norderney!

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Ich weiß nicht, wann es passiert ist – vielleicht, als ich mir Peppa zulegte und mit dem neuen „Familienmitglied“ eine Art Nestbau begann. Vielleicht, als ich immer mehr Kontakte knüpfte und mittlerweile einige tolle Menschen meine Freunde nennen kann. Vielleicht, als endlich der Frühling begann, die Insel aufblühte und ich das erste Mal in kurzen Hosen nach draußen gehen konnte. Vielleicht passierte es aber auch, als Corona zum Thema wurde.

Denn seien wir ehrlich – es gibt wahrscheinlich kaum einen besseren Ort, um diese außergewöhnliche, herausfordernde Zeit zu erleben. Shoppen, ins Kino gehen, in Cafés sitzen, Konzerte besuchen – das alles ist auch an anderen Orten aktuell nicht möglich. Ausgedehnte Spaziergänge in Großstädten gestalten sich schwierig: Wenn jeder vor die Tür geht, sind die Straßen und Parks voll. Gingen alle Norderneyer vor die Tür – die Insel bliebe immer noch angenehm leer.

Ich glaube so wie mir geht es aktuell vielen Insulanern. Nachdem der anfängliche Schock über fehlende Gäste und somit ausbleibendes Geld verdaut war und alle merkten: Wir sitzen in einem Boot; meinem Nachbarn geht es genauso wie mir, begannen viele, die Insel und ihre Liebe zu Norderney neu zu entdecken. Die meisten Norderneyer haben schließlich nur während der Wintermonate Zeit, durchzuatmen und ein bisschen mehr Platz auf der Insel zu genießen. Die „Zwangspause“ hat viele vielleicht zunächst gelähmt, sorgt nun aber für neue Energie. Tagestrips zum Wrack am Ostende, für die sonst die Zeit fehlen würde, Golfen am Strand, wobei man normalerweise zahlreiche Urlauber verletzen würde, Sundowner im Strandkorb an der Promenade, wo zu Ostern eigentlich niemals ein Platz zu finden wäre.

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© Birgit Voigts

Während die Straßen und Strände auf der Insel in den ersten Tagen nach meiner Rückkehr menschenleer waren, haben spätestens die ersten Sonnenstrahlen die Norderneyer vor die Tür gelockt – und dafür gesorgt, dass allen bewusst wird, was für ein Privileg es ist, hier leben zu dürfen. Auch Enten, Hasen und das Damwild haben gemerkt, dass sich etwas verändert hat: Teilweise legen Entenfamilien den Verkehr lahm, da sie wegen des verringerten Verkehrsaufkommens kurzerhand beschließen, es sich auf der Straße gemütlich zu machen.
Etwas schade finde ich, dass auch momentan immer wieder Flaschen, Verpackungen, Hundehaufen oder Hundekotbeutel an den Stränden und in den Parks herumliegen. Tatsächlich hatte ich Vergehen dieser Art bisher stets auf die Urlauber geschoben und war davon ausgegangen, dass Insulanern die Sauberkeit ihrer Insel am Herzen liegt. Es tut mir also Leid, liebe Touristen, dass ich euch für die Allein-Schuldigen gehalten habe.

Natürlich ist aktuell nicht nur eitel Sonnenschein. Insbesondere Selbstständige, die sonst rund um die Uhr für ihr Geschäft im Einsatz sind, werden nebst finanziellen Sorgen vor allem auch von Langeweile geplagt. Einige konnten in den letzten Wochen bereits auf Lieferservices oder Online-Shops ausweichen; Hotels oder Bars beispielsweise bleibt aber kaum eine andere Möglichkeit, als einfach abzuwarten.
Für mich persönlich verändert sich wenig – ich kann zwar nicht mehr von Events berichten, aber mit viel Freizeit und arbeiten im Homeoffice war ich schon vorher vertraut – und auch vor Corona habe ich teilweise eine ganze Woche lang keine „anständige“ Hose getragen. Auch finanziell hat sich nichts geändert; wahrscheinlich habe ich sogar eher mehr denn weniger Geld zur Verfügung, nun, da ich mein Gehalt nicht mehr direkt in Restaurants und Cafés tragen kann.

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© Birgit Voigts

Auch in meinem Freundeskreis haben viele nun deutlich mehr Zeit als noch vor wenigen Wochen. Ein bisschen wurde also jedem eine Zuständigkeit zugeteilt: Eine Freundin fürs Zirkeltraining, eine Freundin für den Sprung ins Meer, eine Freundin für Spaziergänge mit Peppa, eine Freundin für Wein am Strand, eine Freundin für die gegenseitige Versorgung mit frisch gebackenem Kuchen, eine Freundin für gegenseitige Einladungen zum Abendessen.

Ich hoffe, dass es euch allen – den Umständen entsprechend – gut geht und dass euch Meer- und Fernweh noch nicht zu sehr plagt. Bleibt gesund –  und auch wenn es in meinem Text vielleicht so klingt, als wäre das Leben auf Norderney ohne Urlauber schöner: Wir alle freuen uns, wenn bald wieder mehr Leben auf der Insel ist und sich noch mehr Menschen an der Schönheit Norderneys erfreuen können!

Für die NWZ habe ich ebenfalls etwas über die aktuelle Situation auf Norderney geschrieben: Heute fährt die Fähre bis nach Alcatraz.


Februar

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Sturm, Sonne, Schnee: Zumindest wettertechnisch hat der Februar das volle Programm geboten.

Während der Januar sich schier endlos in die Länge gezogen hatte, raste der Februar gefühlt dahin. Klar, zwei Tage weniger sind zwei Tage weniger, aber dennoch – die 29 Tage sind vergangen wie sonst eine Woche. Unter viele grau-in-grau-Tage mischten sich einige wirklich schöne Sonnentage, die ersten Frühlingsboten blühen in den Wäldern und Parks.

Dann war da noch Sturm Sabine, der einige Urlauber von der Insel fern- und andere wiederum auf Norderney festhielt. Dass keine Fähren mehr fahren konnten, bedeutete auch, dass Restaurants, Supermärkte und Geschäfte keine Ware mehr erhielten und einige Arbeitskräfte auf der falschen Seite des Wassers festsaßen.
Mich betraf das alles nicht sonderlich; die einzige Einschränkung für mich war, dass ich Peppa am Strand nicht ohne Leine laufen lassen konnte – sobald nicht alle Beine am Boden waren, flog sie mir fast davon. Wegen der Sturmflut gab es teilweise ohnehin kaum Strand – und wir verlegten unsere Gassi-Runden ins Inland.


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Entspannte Musik, eine gigantische Gin-Auswahl, leckere Cocktails und ausgelassene Stimmung: Das Atelier im Kurtheater.

Der Februar war – die Eventfülle betreffend – recht dünn; ich vertrieb mir die Zeit mit Hund, Freundinnen (die mich im Doppelpack mit Hund gefühlt noch lieber mögen), Hunde-Playdates, gutem Essen, Badehaus und Sport. Für den März stehen schon jetzt einige Veranstaltungen auf dem Plan und ich bin gespannt, was das Frühjahr mit sich bringt. Schenke ich den Worten meiner Freunde Glauben, ist mein laues Leben spätestens ab Ostern vorbei – wenn nicht nur die Insel, sondern auch mein Terminkalender sich füllen dürfte.


Zu meinem zweiten Wohnzimmer – beziehungsweise sogar ersten Wohnzimmer, da man eine Ein-Raum-Wohnung kaum in verschiedene Zimmer teilen kann, wurde im Februar das Atelier (Atelier Art&Bar im Foyer des Kurtheaters). Ob auf eine Schorle, ein Bier oder einen der vielen, kreativen Cocktails – in der supergemütlichen, rauchfreien Bar mit gigantischer Gin-Auswahl lässt sich sowohl unter der Woche als auch am Wochenende wunderbar die Zeit vertreiben. Nicht nur das Atelier hat wieder geöffnet, auch Kinofilme werden endlich wieder im historischen Kurtheater gezeigt – nachdem monatelang das Conversationshaus als Kinosaal herhalten musste.


87952334_199118104686203_8760684289617559552_nApropos Wohnzimmer – auch in diesem Monat war ich wieder bei einem Wohnzimmerkonzert im Inselloft. Und wie schon beim letzten Mal war es wieder ein wunderschöner, entspannter Abend mit Wein, guten Freunden, toller, heimeliger Atmosphäre und Musik fürs Herz von Lennart A. Salomon.


Jedes Mal, wenn ich am New Wave Hotel in der Luisenstraße vorbeifahre und durch die Fensterfronten ins zugehörige Restaurant Oktopussy schaue, bekomme ich Lust, mich in das warm erleuchtete Restaurant zu setzen und das einzigartige gemütlich-coole Ambiente zu genießen. Schon bei meinem letzten Besuch war ich nicht nur von der Einrichtung sondern vor allem vom Essen begeistert.
Im Januar veranstaltete das Restaurant zum ersten Mal eine sogenannte „Küchenparty„, bei der Gäste die Möglichkeit haben, hinter die Kulissen der Küche und in die Töpfe der Köche zu schauen. Bei der zweiten Küchenparty Ende Februar, die „einer kulinarische Reise quer durch die Speisekarte“ anmuten sollte, war ich dann auch dabei – und wurde; wie alle anderen Gäste auch, super freundlich empfangen und in den Ablauf des Abends eingeführt. Mit einem Begrüßungsgetränk in der Hand konnte es direkt zu verschiedenen Stationen im Restaurant gehen, an denen Vorspeisen und Zwischengänge serviert und teils frisch zubereitet wurden. Eine große Auswahl an Sushi, Auberginen-Bulgur-Röllchen, Kräutergarnelen auf Ananas-Chutney, Ziegenkäse-Crème-brûlée, frei zusammenstellbare Bowls, Seafood in jeglichen Variationen und weitere ausgefallene Kreationen sorgten schon vor dem Hauptgang für kulinarischen Hochgenuss. Da ich einen Platz direkt an der Bar hatte, konnte ich zudem überdurchschnittlich viele ausgefallene Cocktails probieren, die allesamt sehr lecker waren. Für den Hauptgang ging es in die offene Küche des Restaurants. Hier konnte man den Köchen direkt bei der Arbeit zu- und das eigene Gericht entstehen sehen. Obwohl das Event sehr gut besucht war, entstanden nie lange Wartezeiten – weder an den einzelnen Stationen, noch in der Küche. Generell war die Stimmung den ganzen Abend über sehr entspannt – sowohl das gesamte Oktopussy-Team, als auch die Gäste schienen den Abend zu genießen.
Auch das abschließende Dessertangebot enttäuschte nicht: Das Käsebuffet ließ ich zwar links liegen, dafür steuerte ich Trüffelpralinen, Champagnertorte und weitere Köstlichkeiten umso zielstrebiger an.
Der nächste Küchenparty-Termin steht bereits: Am 28. März könnt auch ihr die Gelegenheit nutzen, dem Team an einem durch und durch runden Abend einmal über die Schulter zu schauen und nach Lust und Laune zu schlemmen.


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Die Schüler des Wahlpflichtkurses bereiten den Dreh des Videos vor.

Ende Februar musste ich noch einmal die Schulbank drücken: Christian Mischke, Lehrer des Wahlpflichtkurses Geschichte an der Kooperativen Gesamtschule Norderney hatte mich zu einer Unterrichtsstunde eingeladen. Zu meinem Glück zu einer langschläferfreundlichen Zeit: Ich musste erst um 11.30 Uhr in der Schule sein. Als ich das Gebäude betrete, siezen mich die ersten Schüler direkt – manchmal vergesse ich, dass ich erwachsen bin; an diesem Tag wird mir klar: Für Neunt- und Zehntklässler bin ich nicht nur erwachsen, sondern vielleicht sogar alt.

Anlass für die Einladung war das aktuelle Projekt des Kurses: In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv arbeiten die Schüler an einem Erklär-Video zum Thema „Erweiterte Kinderlandverschickung„. Hierzu gibt es außerdem bis zum 3. Mai eine Sonderausstellung im Bademuseum.
In wenigen Wochen soll das Video fertiggestellt und dann sowohl in der Ausstellung als auch auf der Internetseite der KGS zu sehen sein.

Das Projekt zur erweiterten Kinderlandverschickung ist nicht das erste Projekt, mit dem Mischke es schafft, die Schüler mitzureißen und das geschichtliche Interesse nochmals zu vertiefen: 2018 beispielsweise recherchierte er mit den Schülern zum Thema „Jüdisches Leben auf Norderney“. Ziel der Recherche war die Vergabe weiterer Stolpersteine.
Für die meisten Schüler des Wahlpflichtkurses steht nach Fertigstellung des Videos ein weiterer wichtiger Punkt auf dem Programm: Im Frühsommer soll es für den Kurs nach Auschwitz gehen. Vor allem für eine Generation, die ohne Großeltern mit Kriegserinnerungen aufwächst, ein wichtiger Schritt gegen das Vergessen.

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Peppa und Caruso


es ist kompliziert.

Was vielfach als Beschreibung einer semioptimalen Beziehung herhalten muss, fasst auch in vielerlei Hinsicht das Leben auf einer Insel in Worte; das Leben auf Norderney.

Die Kompliziertheit des Insulanerdaseins, sie fängt für die Norderneyer schon mit der Geburt an: Es gibt keine Geburtenstation auf Norderney. Ich persönlich schätze meinen Gemütszustand kurz vor der Geburt so ein, dass eine Fährfahrt das Letzte sein dürfte, auf das ich Lust hätte. Aber – wat mutt, dat mutt – und so haben Norderneyer Familien wahrscheinlich mehr spannende Geburtsgeschichten zu erzählen, als die meisten Festlandfamilien.
Immerhin: Seit Januar gibt es auf Norderney mit Julia Gotschlich wieder eine Hebamme, die Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse gibt und werdenden Eltern bei Fragen oder Problemen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Kompliziert geht’s weiter: Schiel-Probleme, schlechte Sehkraft; bunte Pflaster oder Brillen bekommt nur, wer vorab auf die Fähre steigt. An sich ist die Ärzteversorgung auf Norderney zwar vergleichsweise gut, Augenärzte z.B. gibt es aber nur auf der anderen Seite des Wassers.

Auch für den Führerschein müssen Insulaner erst aufs Boot. Klingt zwar zunächst umständlich und nervig, letztlich würde ich aber auch niemandem im Straßenverkehr begegnen wollen, der mit Abschluss der Fahrprüfung als Höchstgeschwindigkeit 50 km/h verzeichnen kann, noch nie an einer Ampel gestanden und lediglich drei verschiedene Straßen befahren hat.
Die Lernerei an sich scheint mit viel Fahrerei verbunden zu sein: Wer einen höheren Schulabschluss anstrebt, muss die Insel verlassen – nach der 10. Klasse ist auf Norderney Schluss, danach geht es entweder pendelnderweise aufs Gymnasium oder direkt aufs Internat. Wenn ich überlege, wie früh aufgestanden werden muss, um pünktlich zur ersten Stunde auf dem Festland zu sein – ich würde nicht hingehen.

Weiter geht’s mit Sport: Wer auf Norderney beispielsweise in einer Fußballmannschaft spielt, kann für ein Auswärtsspiel natürlich nicht nur bis ans andere Ende der Insel fahren und dort auf den Gegner treffen. Auch hier steht jedes Mal erst eine Fährfahrt an, ein Spieltag kann also gerne mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen.
Auch Sportbegeisterten, die auf Langstrecke trainieren, legt das Inselleben Steine in den Weg. Eine 180 km lange Radstrecke beispielsweise wird nun einmal nicht zwingend spannender, wenn man alle 10 Kilometer umkehren muss und immer wieder das Gleiche sieht. Immerhin bietet die Insel ausreichend Wind, was einen zusätzlichen Trainingseffekt verspricht.

Die Pubertät samt Folge-Teenagerjahren stelle ich mir am schwierigsten vor: Du willst Mädels kennenlernen, kennst sie aber schon alle – immerhin wart ihr schon gemeinsam in der Krabbelgruppe. Auch Tinder dürfte nicht die größte Hilfe sein – sobald der Radius auf über 10 km gestellt und ein potentieller Partner gefunden wird, muss ständig die Fahrt mit der Fähre bezahlt werden. Umgekehrt müsste der Festland-Partner hier sogar immer noch für die Kurtaxe aufkommen: Eine Beziehung, die an die Substanz, ins Geld geht. Für die meisten Insel-Jugendlichen dürfte deshalb gelten: Auf den Sommer warten, wenn zahlreiche feierwütige Inselgäste und Saisonarbeiter auf die Insel strömen. „Fährenweise Frischfleisch“ empfinde ich als schönen Titel für dieses Sommer-Phänomen. Auch der Disko-Besuch gestaltet sich schwierig, wenn alle Locations, in denen die eigenen Eltern oder Menschen aus der Generation der Eltern feiern gehen, ausgeklammert werden.

Was ich oft vergesse: Es müssen nicht nur alle Touristen irgendwie hier auf die Insel kommen, sondern eben einfach alles, was man für den täglichen (oder lebenslänglichen) Gebrauch benötigt. Außer Meer und Sand ist auf einer Insel nicht viel vorhanden. Alles, was in den Regalen steht, im Restaurant serviert wird, alle Möbel, Geschirre, Tiere – was auch immer: Es muss erstmal auf ein Schiff und rübergefahren werden.

Touristen, Zugezogene und mich tangieren diese Probleme natürlich kaum. Das Einzige, was mir hier das Leben schwer macht? Der Sand. Ich kann saugen und fegen, so viel ich will; irgendwo in der Wohnung liegt immer Sand.

Auch wenn das Leben auf einer Insel oft etwas komplizierter ist: Mit dem Strand, der Nordsee und den Wellen direkt vor der Haustür dürfte sich jeder Insulaner oder Zugezogener sagen: Das ist es wert.

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„Bekanntmachung!“

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerFußgängerzone Norderney: Der Klang einer Glocke hallt durch die Straßen, von weitem sieht man erst den royalblauen Umhang, dann die rote Mütze mit dem Aufdruck „Ausrufer“, geziert von unzähligen Ansteckern aus aller Welt, das blau-weiß-gestreifte Fischerhemd und schließlich das wohl meistfotografierte Gesicht Norderneys – jeder, der einmal nach Norderney kommt, lernt ihn kennen: Bernd Krüger, den Ausrufer der Nordseeinsel.

Während ich in menschenleerer Natur glücklich und zufrieden bin, empfinde ich Fußgängerzonen und Städte als äußerst geeignete Orte für etwas Miesepetrigkeit und passive Aggressivität.
Damit habe ich mich für den Beruf des Ausrufers bereits disqualifiziert – zumindest geht Bernd seiner Tätigkeit in den Straßen Norderneys voller Begeisterung nach und hat für jeden Passanten ein offenes Ohr, ein Lächeln, freundliche Worte und für die Kleinen meist eine Tüte Gummibärchen.

Der Beruf des Ausrufers hat eine lange Tradition – und eigentlich gibt es ihn heute kaum noch. Früher verkündeten Ausrufer in jeder Stadt an festgelegten Punkten wichtige Bekanntmachungen – und die Einwohner versammelten sich dazu. Mit der Zunahme an Informationsquellen, Zeitung, Radio und Social Media, ging die Zahl der Ausrufer stetig zurück: Wer geht schon noch zu einer festen Zeit in die Stadt, um Dinge zu erfahren, wenn die Zeitung ganz bequem vom Sofa aus gelesen werden kann?

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerNorderney – allen voran Kurdirektor Loth – wollte zurück zu dieser Tradition – und deshalb gibt es mit Bernd seit 2008 wieder einen Ausrufer auf der Insel, der Stadtführungen macht, Gästen Rede und Antwort steht und Norderney auch auf Messen vertritt. Auch andere Orte halten an der Tradition des Ausrufers fest – die Deutsche Ausrufergilde trifft sich einmal jährlich und veranstaltet alle drei Jahre die Deutsche Ausrufermeisterschaft.

Auch wenn Bernd Krüger Norderney wie seine Westentasche kennt: Ur-Norderneyer bzw. Insulaner ist er nicht. Dennoch zog es den gebürtigen Hamelner schon als Kind immer wieder nach Norderney – nicht für einen entspannten Urlaub, sondern zur Kur.  1964, mit 15 Jahren, zog Bernd dann auf die Nordseeinsel, begann eine kaufmännische Lehre und arbeitete bis 2008 im Bürgeramt. Als ihm bei Renteneintritt der Ausrufer-Job angeboten wurde, musste Bernd keine Sekunde überlegen – er sagte direkt zu.

Ausrufer Bernd Krüger, Norderney, InselbloggerSeit elf Jahren ist Bernd jetzt als Ausrufer auf Norderney unterwegs, jeweils von Ostern bis zum Ende der Herbstferien – und er liebt seinen Job, die Begegnungen mit Reisenden und die vielen interessanten Gespräche.
Doch auch während der freien Wintermonate wird Bernd nicht langweilig: Erst muss sein Garten winterfest gemacht und die über 80 Gartenzwerge ins Warme gebracht werden und dann stehen nicht nur Urlaube, sondern auch zahlreiche Termine als Nikolaus und Weihnachtsmann auf dem Plan.
Zwei Urlaubsziele haben sich bei Bernd bewährt: das portugiesische Blumen- und Wanderparadies Madeira und Mittenwald in Oberbayern. Vielleicht, weil diese Orte das mitbringen, was Bernd auf Norderney hin und wieder vermisst: Wald und Berge, wie in seiner Heimat, dem Weserbergland.

Sein ganz persönliches Blumenparadies hat Bernd im eigenen Kleingarten geschaffen, der für Bernd vieles ist: Lieblingsplatz auf der Insel, Ruhepol und Ort, an dem er Freunde und Stammgäste, die zu Freunden geworden sind, empfängt. Heute zum Beispiel kommt ihn noch Familie Strunk aus Olfen im Kleingarten besuchen. Auch die Familien Metzger & Hesse aus Hameln oder Niese aus Bielefeld sind während ihrer Besuche gern bei ihm zu Gast.

Bernd Krüger, Ausrufer Norderney, InselbloggerBernd liebt das Leben auf Norderney: „Manchmal gehe ich ins Bett und frage mich: ‚War der Tag jetzt Traum oder Realität?‘, so ist Norderney für mich“. Fremd hat Bernd sich auf der Insel nie gefühlt, er wurde von Beginn an herzlich aufgenommen und hat schnell den „Zugezogenen“-Status abgelegt. Und auch der Winter macht ihm nichts aus: Zwar mag Bernd den Sommer lieber, er freut sich aber immer besonders auf eins in der kalten Jahreszeit: Grünkohl.

Am Ende unseres Gesprächs gibt es eine Einladung zum Kaffee im Kleingarten und eine Autogrammkarte für mich. Und tatsächlich kommen auch einige andere Urlauber vorbei, die Fotos von ihm machen oder Autogramme haben wollen – Ein echter Promi, hier auf Norderney.


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Cocktailschmiede (4)
WhiskyPlaza
Das WhiskyPlaza ist vielen wahrscheinlich noch als Cocktailschmiede bekannt. Super gemütliches Ambiente, stilvolle Einrichtung, warmes Licht – ein Ort zum Wohlfühlen. Die Cocktailkarte ist extrem umfangreich und man findet gleich mehrere Drinks, die man probieren möchte. Problem dabei: Die Cocktails kosten einen guten Schein. Angesichts des großartigen Geschmacks zwar angemessen, dennoch bin ich nach dem ersten Cocktail (der wirklich, wirklich gut war) auf Kilkenny umgestiegen – schmeckt auch!

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Im Riffkieker war ich bisher zweimal. Wie von vielen Restaurants aus kann man auch hier den Blick auf den Strand und das Meer genießen. Bei leichtem Schietwetter lässt es sich auch im überdachten Außenbereich gut aushalten, wenns draußen richtig eklig wird, ist es im Innenbereich umso gemütlicher. Beim ersten Mal gabs Milchreis, denn: Milchreis geht immer. Warm, Kindheit, Lecker. Gut, so richtig „mit Liebe selbst gekocht und stetig umgerührt“ hat die Schüssel jetzt nicht gerufen, zufrieden war ich aber trotzdem. Der Service: Aufmerksam, freundlich und als es dann doch windiger wurde, wurde mir ungefragt eine Decke gebracht.
Auch der Fisch mit Bratkartoffeln und Salat war lecker, kam als reichliche Portion und ist preislich – vor allem für die Lage – völlig in Ordnung.

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Es mag den Anschein erwecken, als würde ich meine Tage nur in den Cafés Norderneys verbringen. Aber he – Ich habe keinen Backofen in meiner Wohnung und Kaffee und Kuchen sind einfach immer eine gute Idee. Eine wirklich gute Idee ist ein Kaffee von der Kaffeegeniesserei. Großartiger Kaffee, freundlicher Service, eine umfangreiche Kuchenauswahl und ziemliche große Kuchenstücke – wenn man dann noch einen Platz in der Sonne erwischt, kann der Tag kaum besser werden.

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Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen der Yachthafen: Im alten Bootshaus lässt sich zu jeder Seite hin ein schöner Ausblick genießen. Die verschiedenen Räume sind mal stylisch-modern, mal gemütlich eingerichtet. Ich war an einem grauen, windigen Tag im neysPLACE – mit Blick aufs raue Meer haben Heidelbeerkuchen und Kaffee gleich noch besser geschmeckt. Ich hatte zwar meinen Laptop dabei, so richtig produktiv wurde ich aber nicht – sobald mehrere Leute im Raum sind, kann es hier doch etwas laut werden.

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Das Friedrich Norderney auf der Friedrichstraße wurde mir schon mehrfach empfohlen – ob zum Frühstück, auf einen Kaffee oder zum Abendessen: Es soll immer lecker sein. Klar, bei mir muss ein Restaurant zuerst den Kuchen-Test bestehen. Und was soll ich sagen – das Friedrich hat bestanden. Sowohl drinnen als auch draußen kann supergemütlich gesessen werden und (Achtung!) der Schokokuchen war noch warm. Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Ihr wisst, dass das ein Traum ist.

Cafe Extrablatt
Im Café Extrablatt war ich zweimal: Abends für Cocktails, morgens zum Frühstücksbuffet. Zum Café Extrablatt muss ich eigentlich kaum was sagen, schließlich ist es in jeder Stadt von der Einrichtung über die Speisekarte hin zur Qualität nahezu identisch.
Plus: Große Auswahl am Buffet, viele &freundliche Kellner, günstige Preise
Minus: Extrem eng gestellte Tische & Lautstärke, Cocktails für unseren Geschmack viel zu süß

Kings Club
Die Bar von „Tante Jens“ ist bekannt, beliebt und enormer Urlaubermagnet. Entsprechend war der Kings Club auch gut gefüllt, während die Bars in der Nachbarschaft stark nach der letzten Runde für den Abend aussahen.  Die Bar: plüschig, bunt, bunte Lichter, Spiegelwände. Die Gäste (die ganz eventuell 10 Stunden vor uns mit dem Trinken angefangen hatten) hatten großen Spaß und nutzen minimalen Platz für maximale Tanzeinlagen.
Plus: Gute Stimmung, besondere Einrichtung
Minus: 5,50€ für 0,4 l Bier lassen mich augenblicklich undurstig werden

Weisse Düne
In der Weissen Düne war ich kürzlich schon einmal. Auch beim zweiten Mal schmeckt das Essen. Für mich aber noch viel wichtiger: Der ausgesprochen aufmerksame und freundliche Service. Müsste ich Stand Jetzt ein Restaurant auf Norderney in Sachen Service hervorheben, so wäre es definitiv die Weisse Düne!

Surfcafé
Das Surfcafé kann nicht nur gutes Frühstück, sondern auch eine super leckere Erbsensuppe. Ich habs statt Kaffee dieses Mal mit Milchkaffee probiert, aber auch der hat mich nicht wirklich abgeholt. Nächstes Mal dann eben Bier. 😉


ostende, die zweite

Von meiner ersten Wanderung zum Wrack bin ich ein Stück weit schlauer zurückgekehrt: Dieses Mal wusste ich, wie viel Zeit die Tour in etwa beanspruchen würde, startete bei schönstem Sonnenschein, mit Schnitten in der Tupperdose und einem Müllsack im Gepäck, damit ich den Müll vom Strand nicht wieder in meinen Schuhen sammeln muss.

Drachensteigen am Nordstrand auf dem Weg zum Leuchtturm

Das Schlechte an gutem Wetter: Jeder mag es. Entsprechend voll waren die Radwege auf dem Weg in den Inselosten und ich fragte mich, wo man die eingebaute Vorfahrt erwerben kann, in die augenscheinlich jeder außer mir investiert hatte. Ja, auf einer Insel, am Meer und inmitten der frischen Seeluft fühlt man sich gerne etwas freier. Dennoch: Auch hier bestehen die gängigen Verkehrsregeln. Der Slogan „Meine Zeit. Meine Insel“ wird von einigen nicht nur emotional betrachtet, sondern als Anlass zum Besitzanspruch verstanden. Let me tell you a secret: Man ist als Gast zwar schon irgendwie König, die Insel geht jedoch mitnichten direkt mit Anreise in den eigenen Besitz über.

Nationalpark bei Sonnenschein, endlich!

Im Nationalpark merkte man zum Glück  recht wenig davon, dass vergleichsweise viel los war. Obwohl statt 5 Rädern dieses Mal über 70 Räder vorm Nationalparkhaus standen, war ich dennoch einen Großteil der Zeit allein unterwegs. 
Bei Sonnenschein war der Nationalpark tatsächlich nochmal deutlich schöner als bei grauem Himmel. Die Wanderwege glichen durch die vergangenen Regentage teils eher Flüssen und ich beneidete die Frauen, die ihren Freund kurzerhand als Packesel nutzen konnten, um über das Wasser zu gelangen.
Ich weiß nicht, ob es am Sonnenschein lag oder ob der Sturm der letzten Woche den Müll vom Strand in die Mitte des Nationalparks getragen hatte, auf jeden Fall habe ich dieses Mal schon auf dem Hinweg einiges an Müll entdeckt.  Natürlich ist Norderney deutlich sauberer als die meisten anderen Orte, an denen wir unsere Urlaube verbringen und es wird auch viel Geld in die Reinigung der Strände investiert. Dennoch war nach nicht einmal 45 Minuten mein mitgebrachter sowie ein gefundener Müllsack bis zum Rand voll – und extrem schwer. Da meine Arme gefühlt bis zu den Knöcheln hingen, kehrte ich eine ganze Ecke vor dem Wrack wieder um und brachte meine Beute „zurück in die Zivilisation“.

Falls Du das hier jetzt also liest und dir denkst: Ach, ich schmeiße eigentlich ganz gern Müll in die Natur – bitte tu es nicht. Für alle, die nicht gern lesen, hier noch zwei Videos:


events III

Der 03.Oktober:
Überall in Deutschland wurde anlässlich des Tags der Deutschen Einheit gefeiert – oder zumindest der arbeitsfreie Tag genossen. In Norderney gab es noch zwei weitere Anlässe, zu denen sich Menschenmengen versammelten:

Offizielles Abbaden


Offizielles Abbaden NorderneyUm 15 Uhr wurde am Nordstrand ganz offiziell die diesjährige Badesaison beendet. Das Wetter war mehr als gnädig: Kaum Wind, viel Sonne, kein Regen. Da wurde der letzte Sprung ins kühle Nass fast zu einem Spaziergang. Entsprechend viele Badelustige stürzten sich in die Fluten: Etwa 120 Badende waren im Wasser, mehrere hundert Zuschauer am Strand. Diese schauten zwar gerne zu, ergriffen aber lauthals die Flucht, sobald die Wellen das Wasser etwas höher an den Strand trieben und sie Gefahr liefen, nasse Füße zu bekommen.
Zwar waren schon einige Schwimmer vor dem offiziellen Start im Wasser, die große Menge wartete jedoch die kurze Ansprache mit Gedicht sowie das Hornsignal ab, bevor sie in die Fluten zog.

„Das Meer, mal still, mal wild.
Die Luft, mal kalt, mal mild.
Den Abschied von diesem
lassen wir uns nicht vermiesen.“

IMG_20191003_145443Die Stimmung war sowohl bei den Schaulustigen als auch bei den Schwimmern ausgelassen – und da das Wetter so gut war, wurde den Badenden auch besonders viel Zeit im Wasser gegeben, bis das Event mit einem dreifachen Hornsignal beendet wurde.
Angebadet wird dann wieder am 01.01.2020 – da werde ich höchstwahrscheinlich sehnsuchtsvoll an die 15 Grad Wassertemperatur vom 03.10 zurückdenken.



Jubiläumsball 222 Jahre Seebad


Konversationshaus, Jubiläum Norderney, Ball Norderney,Am 3. Oktober 1797, also vor 222 Jahren, wurde Norderney offiziell zum Seebad ernannt. Das ganze Jahr 2019 über wurde deshalb schon gefeiert – mit besonderen Angeboten, vielen Veranstaltungen und der Zahl 222 präsent auf der gesamten Insel.
Am Abend des 3.10 wurde der Jubiläumsabend dann mit einem Ball zelebriert – wieder eine Veranstaltung, bei der sich mein Kleiderschrank als unbrauchbar erwies. Danke, World Wide Web, dass es dich gibt!
Nach dem Sektempfang wurden Reden gehalten – alle interessant und wichtig, bei manchen würde ich als prägnantestes Merkmal jedoch „lang“ herausstellen. Etwas skurril, auch wenn es mit Sicherheit schöne Bilder gibt: Während der Reden flog immer wieder eine Drohne über die Köpfe der Gäste hinweg – und machte dabei ordentlich Wind. Gut, dass ich außer „Haare offen“ und „Zopf“ keinerlei Frisuren im Repertoire habe; so konnte auch keine Frisur zerstört werden.

Jubiläumsabend, Ball Norderney, 222 Jahre

© Joachim Trettin

Im Anschluss präsentierte „The Cast“ einen Ausschnitt aus ihrem Programm. The Cast, auch „die Rockstars der Oper“ genannt, ist eine junge, international besetzte Opernband, die sich auf die Fahne geschrieben hat, Oper unterhaltsam, spaßig, mitreißend und alles andere als steif zu gestalten. Nennt mich einen Kulturlegastheniker, aber auch wenn ich eindeutig erkenne, dass bei Opernsängern eine großartige Stimmgewalt auf der Bühne zugegen ist: Ein wirklich Opernfan bin ich einfach (noch) nicht. Schuld an meiner mangelnden Begeisterung könnte auch mein Zustand gewesen sein: Ich war hangry. Zu meinem Glück wurden bald die Pforten geöffnet: Es gab Essen.
Das Konzept glich dem einer Markthalle: Verschiedene Restaurants und Cafés Norderneys hatten Stände aufgebaut und man konnte sich aussuchen, worauf man am meisten Lust hatte. Das Essen: super lecker – und für mich von Vorteil, da ich so direkt noch einige Restaurants finden konnte, denen ich in naher Zukunft mal einen Besuch abstatten möchte.
Im Saal spielte ein Symphonieorchester, es wurde getanzt und: Meine Herren, können die Norderneyer trinken. Danke allen, die diesen Abend organisiert haben, Hut ab!


„Verflixte Klassik“ – Zamoscz Symphonieorchester und Felix Reuter


Symphonieorchester, Norderney Konzert
Zwei Tage später hatte ich im Conversationshaus die Gelegenheit, dem Symphonieorchester von Donnerstag nochmals zuzuhören – beim Konzert „Verflixte Klassik“ mit Felix Reuter.
Felix Reuter zeigte als Pianist, Entertainer und Musikkomödiant, dass Klassik nicht verstaubt sein muss. Reagierte das Publikum anfangs noch verhalten auf seine Fragen, gab es irgendwann immer mehr Zwischenrufe und Mitratende. Er improvisiert, unterhält, erklärt, reißt mit und – macht gemeinsam mit dem Orchester großartige Musik.

Eventuell bin ich in Bezug auf Kultur doch noch nicht völlig verloren, denn: Im Gegensatz zur Oper finde ich Orchester großartig. Ich habe lange selber Geige gespielt und bewundere deshalb noch mehr, wenn Andere das Instrument tatsächlich beherrschen.

Norderney Konzerte,Worüber alle Künstler froh sein können: Dass es nicht nur Zuschauer wie mich gibt. Egal ob im Theater, bei einem Vortrag oder einem Konzert: Ich setze mich auf meinen Platz und bin ab dem Moment an für 1,2 oder 3 Stunden ruhig. Natürlich klatsche ich – und zum Abschluss auch gerne so, dass ich am Ende gefühlt eher glühende Stumpen denn Hände habe – aber ich rufe nicht rein, rätsele nicht mit, lache nicht laut. Wenn ich an einem kulturellen Ereignis teilnehme, genieße ich einfach nur. Das ist natürlich schwierig, wenn das Programm auf das Mitwirken des Publikums angewiesen ist. Danke also an alle, die für mich „mitgemacht“ haben.

Der Abend war rund: Von „ganz klassischer Klassikmusik“, die für Gänsehaut sorgt, zu unterhaltsamen Jazzstücken oder Mitsing-Songs war alles dabei. Das Orchester ist noch bis Ende Oktober auf Norderney und bietet unterschiedlichste Konzerte für Jung und Alt an.


events II

Norderney, Herbstanfang, Bank, Promenade
Irgendwie scheinen Norderney und ich aneinander vorbeikommuniziert zu haben. Ich hatte einen goldenen Herbst bestellt; Norderney liefert einen stürmischen Herbstanfang. Das Problem bei der Kombination aus Regen und Wind: Man will den Regen möglichst schnell verlassen, wird aber durch Windböen im Tempo gedrosselt und kann sich nur in Zeitlupe an trockenere Orte flüchten.
Mit Regenhose und Cape ausgestattet kam ich zwar immer noch langsam, aber zumindest trocken zu meinen dieswöchigen Zielen:



Zumba

Wer mich kennt – oder einfach mal auf einer Party beobachtet hat, der weiß: Ich tanze nicht. Ich kann an der Bar stehen und halbwegs rhythmisch mit dem Fuß auftippen, aber damit ist mein Tanz-Repertoire auch schon weitestgehend erschöpft.
In froher Hoffnung, dass sich vielleicht etwas daran geändert hat – und weil ich ohnehin das Sportangebot des TuS Norderney e.V. testen wollte – bin ich am Dienstag zum Zumba gegangen.
Ich merke schnell, dass sich nicht viel getan hat: Der Übertragungsdauer von Auge zu Gehirn zu Körper geschuldet hänge ich meist einige Sekunden hinterher; meine Mutter dürfte meine fehlerhafte Arm-Bein-Koordination als Erzieherin höchstwahrscheinlich mit Sorge betrachten. Gut, dass sich mein Zumba-Können nicht auf eine mögliche Einschulung auswirkt.
Spaß hat es dennoch gemacht, Sport ist es auch: Vielleicht bleibe ich dabei!



Bademuseum NorderneyBademuseum

Heute Abend stand ein Vortrag im Bademuseum am Weststrand auf dem Plan: „Berühmte Gäste: Von Bismarck bis Bülow, von Heine bis Humboldt“. Ich muss sagen, dass ich mir nicht besonders viel von dem Abend erhofft hatte. Ob Humboldt oder Ed Sheeran ist mir eigentlich egal – ein Vortrag darüber, wer mal wo auf der Insel war und was er da gemacht hat – das kann ja nur trocken werden; so meine Erwartungshaltung.
Elise Terfehr, eine ehemalige Lehrerin, schaffte es aber, den Vortrag durch Anekdoten aus dem Leben der berühmten Gäste nicht nur interessant und informativ, sondern vor allem auch unterhaltsam zu gestalten. Für Frau Terfehrs Art zu erzählen und die Tatsache, dass auf jede Zwischenfrage geantwortet werden konnte: Meinen vollsten Respekt.

Am nachhaltigsten beeindruckt hat mich aber Heinrich Heine. Den Mann, von dem ich dachte, dass er einer der größten Romantiker aller Zeiten war, habe ich heute Abend völlig neu kennengelernt. Als einen bissigen, ja zynischen Dichter und Denker. Über die Norderneyerinnen schrieb er nämlich:
„Die Tugend der Insulanerinnen wird durch ihre Häßlichkeit, und gar besonders durch ihren Fischgeruch, der mir wenigstens unerträglich war, vorderhand geschützt.“ Liebe Norderneyerinnen, ich möchte euch beruhigen: Ihr seid mir bisher weder durch übermäßige Hässlichkeit noch durch unerträglichen Fischgeruch aufgefallen. Ich finde euch tatsächlich völlig in Ordnung!

Noch ein kleiner Auszug aus seinen Texten, weil mich sein Zynismus schlicht tief im Inneren berührt hat:
„ […] Tee trinken, der sich von gekochtem Seewasser nur durch den Namen unterscheidet, und eine Sprache schwatzen, wovon kaum begreiflich scheint, wie es ihnen selber möglich ist, sie zu verstehen. […]“



Badehaus Norderney, Inselblogger NorderneyBade:haus

Europas größtes Thalassohaus – und ich war erst jetzt dort: Im bade:haus norderney. Der gesamte Montag war dank Sturmtief Mortimer wettertechnisch relativ bescheiden, entsprechend hatte ich mich innerlich auf einen großen Gästeansturm im Badehaus eingestellt. Aber: Zumindest in der Wasserebene war die Gästeanzahl überschaubar. Perfekt, wenn man richtig entspannen will, denn: Zwischen den Abenden, an denen ich mit meinen Geschwistern zusammen in der Badewanne saß, und diesem Montagabend sind gut zwei Jahrzehnte vergangen. Ich muss sagen, dass ich dieses Mehr an Platz über die Jahre hinweg immer als Gewinn betrachtet habe und es deshalb auch in öffentlichen Badeanstalten gerne beibehalte.Im Badehaus gibt es viele Becken, die etwas kleiner sind – umso besser, wenn man diese Becken für sich haben kann, statt versehentlich mit den Füßen eines Fremden in Kontakt zu kommen.

Bei meinem ersten Besuch war ich nur in der Wasserebene – erstens hatte ich nicht allzu viel Zeit im Gepäck, zweitens finde ich Saunen einfach..sehr warm. Trotzdem werde ich auch die Feuerebene einmal austesten – und falls mir langweilig werden sollte, zu den Rutschen ins Familien-Thalassobad wechseln. Die Räumlichkeiten, die ich bisher gesehen habe, sind auf jeden Fall sehr schön gestaltet, die abwechslungsreichen Becken sind jeweils mit einer Infotafel zu Wassertemperatur- und tiefe versehen und die schlafenden Gäste auf den Liegen waren Beweis genug dafür, dass das Badehaus der optimale Ort zur Entspannung ist.


ich geh mit mir, wohin ich will

Auch bis ans Ende dieser Welt
Am Meer, am Strand wo Sonne scheint es nieselt
Will ich mit mir alleine sein

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Nach 1,5 Wochen endlich das, was ich schon ab Tag 1 machen wollte: Eine Wanderung zum Ostende. Extra früh aufgestanden, um zeitig loszukönnen, Regenradar gecheckt –  sieht in Ordnung aus. Rucksack aufgesetzt und: Es regnet.
Da kann ich natürlich nicht raus – das geht de facto einfach nicht, wenn man aus Zucker ist.  Natürlich gehört theoretisch Schietwetter zum Nordsee-Erlebnis dazu, aber praktisch ist es mir doch lieber, wenn ich erst am Ende durchgenässt bin als schon nach den ersten zwanzig Metern.
Also brachte ich meinen Balg noch einmal kurz in die Waagerechte und unter meine Kuscheldecke; aufwärmen soll ja wichtig sein vorm Sport.

Deich, Norderney,

Mit dem Rad ging es größtenteils auf dem Deich bis zum letzten Parkplatz der Insel – ab dort gilt dann absolutes Drahteselverbot. Vor Ort steht eine Schutzhütte, an der man sich mit Infomaterial und Karten zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer eindecken – oder eben Schutz vor Wetter suchen kann. An der Hütte waren zwar anfangs noch einige andere Wanderer, da wir aber unterschiedliche Wege einschlugen, war ich fast die ganze Zeit über allein. Ruhe, Natur und fast freundliches Wetter – besser geht’s kaum.

Nationalpark Wattenmeer, Wanderweg

Dem Wetter der vorherigen Tage geschuldet musste ich immer wieder über kleinere und größere Pfützen springen und verschätzte mich – trotz des Versuchs, vorab die Sprungkurve berechnen – immer wieder; meine Schuhe befinden sich noch immer im Trockenprozess.
Die Orientierung im Nationalpark ist dank zahlreicher Schilder und bunt-markierter Holzpfosten mehr als einfach. Ich hätte mir aber zumindest an den Wegweisern Angaben zur ungefähren Gehzeit gewünscht. Meiner Selbstüberschätzung und Streckenunterschätzung geschuldet brauchte ich deutlich länger als gedacht: Aus „in zwei Stunden bin ich durch mit dem Ding“ wurde „Ah, ich bin immer noch nicht da“. Insgesamt habe ich etwa 3,5 Stunden gebraucht.

ostende norderney

Aber: Es lohnt sich. Also nicht nur für das Ziel, sondern auch für den Weg. Klingt wie ein Wandtattoo-Spruch, ist aber wahr. Die Pflanzen, der Untergrund und die Ausblicke verändern sich immer wieder, was ich bei der Größe des Nationalparks nicht zwingend erwartet hätte. Es gibt auch eine Bake, von der man eine gute Aussicht genießen kann.

Wrack Ostende, Wrack Norderney, Schiffswrack

Am Wrack angekommen war ich immer noch völlig allein unterwegs – friedlicher kann ein Strand kaum sein.
Zurück zum Parkplatz ging es dann auch immer der Nase nach am Strand entlang. Oma sagt immer, dass ein Strandspaziergang das wohl Schönste und Beste ist, was es so gibt. Ich kann ihr nur bedingt zustimmen; ich finde Strandspaziergänge in erster Linie anstrengend. Schön ist auch nur das Gefühl, nicht die Art der Fortbewegung. Zwei Stunden lang schien eine Verwandtschaft zu Pinguinen nicht unwahrscheinlich.

Strand Norderney, Nationalpark

Was ich auf dem Rückweg verfluche: Den Leuchtturm. Sobald ich ihn sehen konnte, wähnte ich nämlich das Ende des Spaziergangs in unmittelbarer Nähe. Aber das eben 1,5 Stunden lang.
Gut, mein Fehler. Denn schließlich ist das der Witz an Leuchttürmen – dass man sie von weitem sehen kann.
Die Tour werde ich auf jeden Fall noch einige Male machen; das nächste Mal dann gern bei Sonne und mit Snacks im Rucksack.