es ist kompliziert.

Was vielfach als Beschreibung einer semioptimalen Beziehung herhalten muss, fasst auch in vielerlei Hinsicht das Leben auf einer Insel in Worte; das Leben auf Norderney.

Die Kompliziertheit des Insulanerdaseins, sie fängt für die Norderneyer schon mit der Geburt an: Es gibt keine Geburtenstation auf Norderney. Ich persönlich schätze meinen Gemütszustand kurz vor der Geburt so ein, dass eine Fährfahrt das Letzte sein dürfte, auf das ich Lust hätte. Aber – wat mutt, dat mutt – und so haben Norderneyer Familien wahrscheinlich mehr spannende Geburtsgeschichten zu erzählen, als die meisten Festlandfamilien.
Immerhin: Seit Januar gibt es auf Norderney mit Julia Gotschlich wieder eine Hebamme, die Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse gibt und werdenden Eltern bei Fragen oder Problemen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Kompliziert geht’s weiter: Schiel-Probleme, schlechte Sehkraft; bunte Pflaster oder Brillen bekommt nur, wer vorab auf die Fähre steigt. An sich ist die Ärzteversorgung auf Norderney zwar vergleichsweise gut, Augenärzte z.B. gibt es aber nur auf der anderen Seite des Wassers.

Auch für den Führerschein müssen Insulaner erst aufs Boot. Klingt zwar zunächst umständlich und nervig, letztlich würde ich aber auch niemandem im Straßenverkehr begegnen wollen, der mit Abschluss der Fahrprüfung als Höchstgeschwindigkeit 50 km/h verzeichnen kann, noch nie an einer Ampel gestanden und lediglich drei verschiedene Straßen befahren hat.
Die Lernerei an sich scheint mit viel Fahrerei verbunden zu sein: Wer einen höheren Schulabschluss anstrebt, muss die Insel verlassen – nach der 10. Klasse ist auf Norderney Schluss, danach geht es entweder pendelnderweise aufs Gymnasium oder direkt aufs Internat. Wenn ich überlege, wie früh aufgestanden werden muss, um pünktlich zur ersten Stunde auf dem Festland zu sein – ich würde nicht hingehen.

Weiter geht’s mit Sport: Wer auf Norderney beispielsweise in einer Fußballmannschaft spielt, kann für ein Auswärtsspiel natürlich nicht nur bis ans andere Ende der Insel fahren und dort auf den Gegner treffen. Auch hier steht jedes Mal erst eine Fährfahrt an, ein Spieltag kann also gerne mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen.
Auch Sportbegeisterten, die auf Langstrecke trainieren, legt das Inselleben Steine in den Weg. Eine 180 km lange Radstrecke beispielsweise wird nun einmal nicht zwingend spannender, wenn man alle 10 Kilometer umkehren muss und immer wieder das Gleiche sieht. Immerhin bietet die Insel ausreichend Wind, was einen zusätzlichen Trainingseffekt verspricht.

Die Pubertät samt Folge-Teenagerjahren stelle ich mir am schwierigsten vor: Du willst Mädels kennenlernen, kennst sie aber schon alle – immerhin wart ihr schon gemeinsam in der Krabbelgruppe. Auch Tinder dürfte nicht die größte Hilfe sein – sobald der Radius auf über 10 km gestellt und ein potentieller Partner gefunden wird, muss ständig die Fahrt mit der Fähre bezahlt werden. Umgekehrt müsste der Festland-Partner hier sogar immer noch für die Kurtaxe aufkommen: Eine Beziehung, die an die Substanz, ins Geld geht. Für die meisten Insel-Jugendlichen dürfte deshalb gelten: Auf den Sommer warten, wenn zahlreiche feierwütige Inselgäste und Saisonarbeiter auf die Insel strömen. „Fährenweise Frischfleisch“ empfinde ich als schönen Titel für dieses Sommer-Phänomen. Auch der Disko-Besuch gestaltet sich schwierig, wenn alle Locations, in denen die eigenen Eltern oder Menschen aus der Generation der Eltern feiern gehen, ausgeklammert werden.

Was ich oft vergesse: Es müssen nicht nur alle Touristen irgendwie hier auf die Insel kommen, sondern eben einfach alles, was man für den täglichen (oder lebenslänglichen) Gebrauch benötigt. Außer Meer und Sand ist auf einer Insel nicht viel vorhanden. Alles, was in den Regalen steht, im Restaurant serviert wird, alle Möbel, Geschirre, Tiere – was auch immer: Es muss erstmal auf ein Schiff und rübergefahren werden.

Touristen, Zugezogene und mich tangieren diese Probleme natürlich kaum. Das Einzige, was mir hier das Leben schwer macht? Der Sand. Ich kann saugen und fegen, so viel ich will; irgendwo in der Wohnung liegt immer Sand.

Auch wenn das Leben auf einer Insel oft etwas komplizierter ist: Mit dem Strand, der Nordsee und den Wellen direkt vor der Haustür dürfte sich jeder Insulaner oder Zugezogener sagen: Das ist es wert.

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auf zu neuen ufern.

Dorf, Kleinstadt, Großstadt, Ausland und jetzt: Norderney.

Eine Insel, über die ich mich erst nach Erhalt des Jobs schlau machte – zum Beispiel über die Größe (15×2,5 km) oder die Einwohnerzahl (6.232, Stand 12/2017).
Im Vergleich zu meinem letzten Hauptwohnsitz Köln ziemlich überschaubar, andererseits bin ich auf einem Dorf mit je einer Feldlänge Abstand zu jedem Nachbarn aufgewachsen – also findet sich Norderney irgendwo in der gesunden Mitte wieder.
Obwohl Norderney sich flächenmäßig deutlich in Grenzen hält, spricht mein Orientierungssinn auch hier nur vage Vermutungen aus, wenn es darum geht, den richtigen Weg zu finden. Ganz Griechenland atmet indes erleichtert auf, weil ich den Wanderguide-Job nun nicht mehr angetreten habe.

Angereist bin ich mit dem Fahrrad – übers Wasser habe ich dann doch die Fähre als Fortbewegungsmittel vorgezogen.
Nach 165 Kilometern musste ich nicht nur meinen Bruder verletzt an einer Landstraße zurücklassen, sondern auch zwei Dinge feststellen: 1. Ich mag keinen Wind und 2. Auf Norderney wird es viel davon geben. Bekanntlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied, also kann ich nur mir selbst einen Vorwurf machen.

Apropos Rad: Auch wenn das langsame Radfahren in Oldenburg erfunden wurde (nicht wissenschaftlich bewiesen, aber meine Meinung), so scheinen sich die Norderneyer der ehrenwerten Aufgabe angenommen zu haben, diese Sportart zu ihrer Paradisziplin zu machen. Aber gut – angesichts der Inselmaße ist es einfach sinnvoller ein gemäßtiges Tempo denn einen heißen Reifen zu fahren. Ich merke schnell, dass mein aggressiver Fahrstil, der in der Großstadt erst das Überleben garantiert, hier mehr als entbehrlich ist: Man fährt gemütlich und rücksichtsvoll.

Generell muss ich nach einer Woche feststellen: Die Menschen hier sind freundlich.
Während in Köln stets von der rheinischen Frohnatur geredet wird, wird Freundlichkeit hier einfach gelebt – lächele ich Menschen auf der Straße zu, erhalte ich tatsächlich ein Lächeln zurück. In jeder deutschen Großstadt würde man als Reaktion zwei Tage später eine Unterlassungsklage erhalten.

Nicht nur die Freundlichkeit, auch die frische Luft bedeutet einiges an Umstellung für Körper und Geist. Vom Smogentzug gepeinigt rebelliert mein Körper; als Trotzreaktion auf mangelnden Feinstaub in der Luft falle ich in der ersten Woche einer Erkältung zum Opfer. Statt direkt auf große Erkundungstour zu gehen, verbringe ich also viel Zeit vorm Wasserkocher. Aber gut, zumindest ist Teetrinken auch Teil ostfriesischen Kulturguts.

Entgegen meiner Erwartungen ist auf Norderney ziemlich viel los. Bei der Planung zu besuchender Veranstaltungen wird mir schnell klar, dass ich nicht nur die Anzahl, sondern auch den Schickheits-Grad der Events deutlich unterschätzt habe. Ich bin kleidungstechnisch eher für Wattwanderungen, Schaf-Scher-Wettbewerbe und Boccia-Spiele gerüstet; gewünscht ist häufig „angemessene Garderobe“ – was bei Theater, – Konzert oder Ballbesuchen wahrscheinlich kaum Wollsocken und Jogginghose bedeutet.  

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Adiletten würden hier unter „unangemessene Kleidung“ fallen

Entsprechend stand in den ersten Tagen ein Stadtbesuch auf dem Plan. Wieder lag ich mit meinen Erwartungen falsch: Es gibt ziemlich viele Geschäfte – und nicht in allen Läden zieht angesichts der Preisschilder eine Dispo-Wolkenfront auf. Heißt: Auch mit wenig Geld kann Schönes gefunden (und gekauft) werden. Meine Suche nach Schuhen verlief dennoch erfolgslos. Das Scheitern dürfte meinen zu genauen Vorstellungen geschuldet sein, die mich nicht nur beim Einkauf, sondern auch bei der Männerwahl vor eine schwierige Aufgabe stellen. Bei Schuhen sehe ich mich noch nicht gezwungen, von meinen Ansprüchen zurückzutreten.

Nach einer Woche und dem Besuch einiger Veranstaltungen will ich behaupten: Die Menschen hier sind länger verliebt. Zumindest erweckt es den Eindruck, wenn auch in die Jahre gekommene Paare immer noch Händchen halten, Arm in Arm unterwegs sind und über Kommentare des Partners lachen, als wäre das Gegenüber unterhaltsam und liebenswürdig – und nicht nur jemand, der nie die Spülmaschine einräumt und ständig die Schlüssel verlegt.
Aber gut, vielleicht entsteht dieses andauernde Glück aus der Not heraus – Was brächte es schon, sich über seinen Partner aufzuregen, wenn doch ganz klar ist, dass unter 6.232 Einwohnern kaum viel mehr bessere Anwärter zu finden sein dürften? Und wie deprimierend ist es, wenn man im Streit wutentbrannt „Ich gehe jetzt!!“ brüllt und dann maximal 30 Minuten bis zu einer Aussichtsdüne radeln kann, statt auf der Autobahn massig Kilometer zwischen sich und den Angetrauten zu bringen?  Und: Man würde sich auch nach einer Trennung zwangsläufig ständig über den Weg laufen – da sagt man sich vielleicht lieber, dass der Frithjof doch eigentlich ein ganz feiner Kerl ist und bleibt für immer glücklich und zusammen.

Fazit: Norderney überzeugt bisher – bei Natur, Veranstaltungen und Restaurants kann man echt nicht meckern. Und auch mit den Menschen könnte es passen: Norderney ist nämlich auch, wenn rein zufällig „Leave your hat on“ von Joe Cocker gespielt wird, wenn die Polizei zwecks Ruhestörung zu einer Party kommt.